Die Free-to-Play-Kalamität

An dieser Stelle sollte von mir eigentlich mein Review zum vor etwas über zwei Monaten erschienenen Handygame „Fire Emblem Heroes“ erscheinen, allerdings bemerkte ich schnell, dass ich davor noch unbedingt etwas klären sollte. Da es, wie sich herausstellt, doch etwas mehr war als einfach nur ein wenig Vorgeplänkel, entschied ich mich, dafür einen eigenen Artikel zu machen – und es gab ja auch schon länger keinen eher philosophisch angehauchten Artikel mehr auf meinen Blog, von daher passt das auch ganz gut. Von was für Philosophie ich rede? Von den konzeptionellen Schwierigkeiten von Handyspielen nach Art von Fire Emblem Heroes.

Zuvor möchte ich aber noch ein wenig ausholen und das Konzept eines fairen Handels erläutern. Was ein fairer Handel ist, ist eigentlich ganz einfach: Es gibt zwei Parteien, und jede Partei gibt der anderen etwas aus ihrem Besitz. Das ist ein Handel. Ein fairer Handel ist es, wenn nach dem Abschluss beide Parteien mit dem Ergebnis zufrieden sind. Mit unserem modernen Verständnis heißt das, dass die übertragenen Besitztümer (zumindest ungefähr) den gleichen Wert besitzen müssen.

Diesen „Wert“ bringen wir ins Spiel, weil Geld in unserem Leben eine so große Rolle spielt, dass wir nahezu jedem Gegenstand ohne großes Zutun leicht einen Wert zuweisen können. Das Konzept des fairen Handels lässt sich aber auch problemlos auf Tauschgeschäfte anwenden, die bevor es so etwas wie Geld gab Gang und Gäbe waren, und da ist es auch völlig unerheblich, ob Hänschen ein Schaf gegen eine Kuh oder gegen einen Goldbarren tauscht, solange beide Teilnehmer mit dem Tausch zufrieden sind, ist es ein fairer Handel.

Warum gehe ich aber so weit in die Geschichte zurück? Ganz einfach: Weil das Konzept von Free-to-Play-Spielen einen praktisch in die Zeit zurückversetzt, in der es noch keinen festen Wert für alles gab. Das gilt so zumindest für diejenigen Free-to-Play-Spiele, die neben den berüchtigten Microtransactions auch mit einem Gacha oder einer sonstig benannten Funktion nach Art von „stecke Geld hinein und es kommt mit etwas Glück etwas Tolles heraus“ aufwarten, aber das heißt nicht, dass Spiele mit einem Ingame-Shop, wo man gegen feste Preise festgelegte Gegenstände erwerben kann, nicht davon betroffen sein können.

Das Free-to-Play-Konzept hat einige ausufernde Kontroversen mit sich gebracht, ist inzwischen aber schon zu einem alten Hut geworden. Die einen freuen sich über Zeug umsonst, andere schreien Abzocke, wieder andere finden das Konzept solange in Ordnung, wie sie nicht zum Griff in die Tasche gezwungen werden. Egal welche Position man aber einnimmt, es ist immer dasselbe Problem, das dem Ganzen zugrunde liegt, nämlich die Tatsache, dass Free-to-Play-Spiele (jeglicher Art) einfach kein „Fairer Handel“ sind.

Ich lade ein Spiel aus dem App-Store herunter und kann es daraufhin spielen, ohne etwas dafür bezahlen zu müssen. Das ist kein fairer Handel. Ich bekomme etwas, gebe aber nichts im Gegenzug. Unfair ist das gegenüber demjenigen, der das Spiel vertrieben hat, der bekommt ja schließlich nichts. Natürlich erwartet der aber, dass man ihm diesen Verlust später mit der ein oder anderen Mikrotransaktion wieder wettmacht, welche ihrerseits natürlich auch nichts anderes als unfaire Handel (diesmal zuungunsten des Käufers) sein können – müssen sie schließlich, denn sonst kommt für die Firma ja am Ende kein Gewinn dabei heraus.

Das Konzept ist wirklich ulkig, denn beide Parteien handeln in diesem Falle stets nur zu ihrem eigenen Schaden – die Firma hat von sich aus entschieden, ihr Spiel kostenlos anzubieten, und der Endnutzer hat die Entscheidungsgewalt darüber, ob er nun Mikrotransaktionen durchführen möchte oder nicht. Die Produzenten haben die verschiedensten Ansätze entwickelt, um den Endnutzer dazu zu bringen, bereitwillig in ihr Messer zu laufen, und das unterschiedlich effektiv und mit unterschiedlich fragwürdiger Intensität. Mal frustrieren sie den reinen Umsonst-Zocker zum Frustkaufen, mal locken sie mit niedlichen Mädchen.

Wir nehmen jetzt aber mal an, dass wir mit einem Free-to-Play-Spiel sogar mal ganz zufrieden sind. Das Spiel macht Spaß und man sieht keine Not, irgendwelche Mikrotransaktionen abschließen zu müssen – und selbst die scheinen ein gar nicht mal so unangemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis zu haben. Selbst in dieser den Umständen entsprechend idealen Situation steckt man in einem Dilemma: Schließlich hat man immer noch etwas umsonst bekommen. Die Entwickler müssen aber von irgendwas leben, und wenn alle Spieler mit dem Spiel wunschlos glücklich sind, wird es für sie zu einem Verlustgeschäft und das Spiel geht irgendwann unter.

Es ist gar nicht verwunderlich, wenn man den Entwicklern unter diesen Umständen etwas zurückgeben will. Dahinter steckt nicht anderes, als das Gefühl, den Entwicklern etwas – aufgrund des unfairen Handels – zu schulden und der Wunsch, daraus einen fairen Handel zu machen. Allerdings steht man hier vor dem Problem, dass es in Gacha-Spielen keine festen Werte gibt, und einem dementsprechend selbst überlassen ist, wie viel Geld man den Entwicklern nun „zurück“-gibt.

Das größte Problem, das ich sehe, ist jedoch, dass man für dieses Geld dann auch wieder etwas bekommt, das keinen festen Wert hat: In Fire Emblem sind es Orbs, in Love Live sind es Love Gems. Was man damit erreicht, ist ungewiss, man kann mit 10 Orbs unfassbares Glück haben und eine Bunny Lucina zusammen mit einer Minerva bekommen (beides eine 3%-Chance), oder aber man verbraucht sagenhafte über Monate angesparte 400 Love Gems und erhält nicht eine „Ultra Rare“ davon, geschweige denn eine die man haben wollte. Sind beides nebenbei tatsächliche Erfahrungen von mir.

Man könnte da zu folgender Übereinkunft kommen: Ich kaufe das Zeug ohne Erwartungen, etwas dafür zu bekommen. Das eigentliche Ziel ist, aus dem unfairen Handel einen Fairen zu machen, und ich wähle dafür den Betrag, den mir nicht die Orbs, Gems oder was auch immer Wert sind (im folgenden sage ich dazu nur noch Orbs), sondern welchen Wert ich für das Spiel angemessen finde, also welchen Preis ich für das Spiel bezahlt hätte, wenn ich es mir sozusagen „regulär“ gekauft hätte. Sagen wir einfach mal den Preis eines Vollpreistitels, also ungefähr bei 40€.

Ich wäre mit solch einer Lösung nicht zufrieden. Denn was man auch tut, man bekommt seine Orbs dafür, und man wird diese Orbs auch früher oder später einsetzen. Und wie das auch immer ausgeht, ich kann dabei nur verlieren. Versteht ihr, wenn ich meine Orbs ingame gefarmt habe, diese für den Gacha einsetze, und dafür dann etwas bekomme, dann ist dies Teil des Gameplays. Es gibt auch „richtige“ Spiele, die immer wieder mal ein Kasino besitzen, einfach, weil die Entwickler dachten, dass so etwas Spaß machen würde (Tales of-Spiele und Pokemon haben sowas z.B. immer wieder mal). Sollte ich unverhofft einen seltenen Helden ergattern, dann habe ich mir den mit Schweiß im Spiel erarbeitet. Wenn ich nur Müll bekomme, dann ist das eben Schicksal. Damit kann ich leben.

Sobald ich aber einmal Geld ausgegeben habe, wird aus den Orbs etwas, das ich nicht im Spielverlauf erhalten habe. Es ist dann einfach kein Spiel mehr. Wenn ich dann Glück habe und einen seltenen Helden ziehe, ist das ein Held, den ich mir „erkauft“ habe. Nicht nur das, ich stehe dann auch eigentlich wieder vor dem Problem, dass mein versuchter fairer Handel damit wieder aus der Balance geworfen wird. Und wenn ich gar nichts bekomme, dann ist die Enttäuschung natürlich umso größer, auch wenn dies im Hinblick auf den fairen Handel das eigentlich wünschenswerte Ergebnis wäre – aber man macht sich natürlich dennoch Hoffnungen.

Das eigentliche Problem folgt aber erst später: Solange ich vorhabe, das Spiel weiterzuspielen, werde ich auch irgendwann im Spiel weitere Orbs bekommen, und ich werde auch irgendwann mal Glück haben und ein gutes Ergebnis bekommen. Aber dann schwingt immer wieder der Gedanke mit: Wenn ich vor soundsovielen Wochen mir keine Orbs gekauft hätte, hätte ich dann jetzt auch schon wieder was bekommen? Wie viel von diesem Ergebnis habe ich mir verdient, und wie viel davon habe ich mir gekauft? In dem Moment, in dem ich einmal wortwörtlich Geld ins Spiel bringe, wird mir der Spaß am Spielen genommen.

Das ist jedenfalls meine Ansicht zur Free-to-Play-Kalamität und mein Grund, warum ich nie auch nur einen Cent für so ein Spiel hergeben werde, auch, wenn sie mir richtig viel Spaß machen. Es würde mir einen Teil des Spaßes einfach verderben. Das ist dann zwar ungerecht den Entwicklern dieser Spiele gegenüber, aber sie haben sich ja selbst dafür entschieden, dieses fehlerbehaftete Konzept zu fahren, so wie es meine Entscheidung ist, ob ich etwas bezahle oder nicht. Das Free-to-Play-Konzept ist einfach an sich schlecht und unfair.

Das wollte ich nur zu dem Free-to-Play-Konzept sagen. Ich hielt diesen Artikel für notwendig, bevor ich mich an einem Review zu Fire Emblem Heroes setze, denn bei einem solchen Spiel müssen ganz andere Maßstäbe gesetzt werden als zum Beispiel bei Fire Emblem Awakening oder Fates. In meinem Awakening vs. Fates-Artikel habe ich zum Beispiel den Umfang in Relation zu dem unterschiedlichen Preisen der Spiele diskutiert. Aber wie löst man das in Verbindung mit einem Titel, in dem es keine festen Geldwerte gibt? Tja, dies wird dann in meinem Fire Emblem Heroes-Review geklärt werden.

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5 Kommentare zu “Die Free-to-Play-Kalamität

  1. TheRealWinston sagt:

    Das ist gelinde Gesagt ein altbekannter Hut und wurde schon damals als die ersten F2P-Spiele (im Westen) aufkamen häufig diskutiert. Bei den Mikrotransaktionen stehen die Entwickler auch unter Zugzwang ehrlich gesagt, andererseits sollte für jeden das Spiel gleichermaßen fair sein, zugleich aber soll man auch Geld ausgeben.
    Vor allem sollte man auch bedenken, wenn man bei einem F2P-Titel wirklich Geld ausgeben will, das eines Tages eventuell die Server abgeschaltet werden und damit auch sein ganzes Geld irgendwo auch weg ist. In der hinsicht ist zumindest das (mehr oder weniger gescheiterte) Toys to Life Konzept um einiges fairer. Immerhin bekommt man Sammelfiguren.

    • StarlinM00N sagt:

      „Das ist gelinde Gesagt ein altbekannter Hut und wurde schon damals als die ersten F2P-Spiele (im Westen) aufkamen häufig diskutiert. “
      Hab ich ja auch deswegen im Artikel angesprochen und einen Teil der Diskussion als Vorwissen vorausgesetzt. Irgendwo musste ich aber den Leser abholen. Und ich behaupte auch, dass das Thema noch niemand, oder jedenfalls äußerst selten, auf die Weise behandelt hat, wie ich es in der zweiten Hälfte des Artikels tue (ab dem abschnitt „Wir nehmen jetzt aber mal an, dass wir mit einem Free-to-Play-Spiel sogar mal ganz zufrieden sind.“).

      „In der hinsicht ist zumindest das (mehr oder weniger gescheiterte) Toys to Life Konzept um einiges fairer. Immerhin bekommt man Sammelfiguren.“
      Soweit ich weiß werden die Dinger auch weiterhin in Massen produziert und fahren den Herstellern nach wie vor Massenweise Kohle ein. Gemeint sind doch Amiibos und Skylanders und derart? In welcher Hinsicht sollen die also gescheitert sein?

      • TheRealWinston sagt:

        Nunja, Disney hat seine Infinity-Reihe gestoppt und habe zudem von Gerüchten gelesen, dass auch Skylanders dieses Jahr keinen neuen Teil erhält. Die einzigen zwei Toys-to-Life Figuren wären dann die von Nintendo und Lego. Was daran liegt, das erstere die ikonischeren Figuren hat, und letztere wohl eher wegen den Legosteinen gekauft wird.

  2. StarlinM00N sagt:

    Disney Infinity war aber auch wirklich Mist, während Skylanders anscheinend zumindest auch ein gutes Spiel sein soll. Würde mich aber auch nicht wundern, wenn die Leute das nicht ewig mitmachen bei den Kosten. Trotzdem haben sie damit heftige Gewinne eingefahren, womit man so ziemlich nur bei Disney Infinity von einem „Scheitern“ reden kann.

  3. […] Vorbereitung zu diesem Artikel habe ich vorab einen weiteren Artikel veröffentlicht, in dem ich meine Meinung zu Free-to-Play-Spielen kundtue. Fire Emblem Heroes […]

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