Was man so als Amateurzeichnerin lernen kann

Das perfekte Artikelbild für einen Artikel, der ums Zeichnen geht.

Artikel von mir, bei denen es ums Zeichnen geht, erfreuen sich immer komischerweise ganz besonders viel Beliebtheit, und das obwohl ich eigentlich alles andere als ein Zeichenprofi bin. Vielleicht ja sogar genau deshalb. Genau dies mache ich mir in diesem Artikel auch zunutze. Immer wieder höre ich Leute sagen, dass sie nicht zeichnen können, manchmal sogar fast schon damit prahlen. Es gibt aber wirklich keinen logischen Grund, warum jemand nicht zeichnen können sollte, und das ist etwas, was man nur zeigen kann, wenn man eben noch nicht ganz ein Profi ist.

Wenn jemand behauptet, dass er oder sie nicht zeichnen kann, dann hat das aus meiner Sicht einen der folgenden zwei Gründe: Erstens, derjenige hat es noch nie wirklich versucht. Wenn dies der Fall ist, dann liegt euer Problem aber nicht daran, dass ihr nicht zeichnen könnt, sondern dass ihr nicht zeichnen wollt. Zweitens, und dieser Grund fällt auch öfters mit dem ersten zusammen: Derjenige hat einfach viel zu hohe Ansprüche daran, was es überhaupt bedeutet, zeichnen zu können.

Ihr denkt also, um richtig zeichnen zu können, braucht es Jahre an Übung und Erfahrung, in denen man jeden Tag fürs Zeichnen opfern muss und selbst damit kommt man nicht weit ohne eine dicke Prise Talent, von der ihr natürlich kein bisschen was geerbt habt. Ihr denkt, ein Profi-Zeichner setzt sich einfach vor ein leeres Blatt Papier und wie von Geisterhand bewegt sich seine Hand genau so, dass daraus binnen Sekunden ein wunderschönes, perfektes Bild entsteht, ohne dass der Zeichenprofi dafür groß nachdenken oder jemals nachbessern muss.

Also, keine Ahnung ob es Leute gibt, die so krass drauf sind. Ich kann sowas jedenfalls auch nicht. Was ich aber kann, ist Bilder zu produzieren, die so aussehen:

Mai fallen angel Yohane<3

Das hier ist meine neueste und in meinen Augen auch bisher schönste Zeichnung. Ganz kurz als Anmerkung, das erste Bild ganz oben, das ist nicht von mir, auch wenn das ebenfalls wie gezeichnet aussieht. Ich werde in diesem Artikel auch noch einige Bilder einbringen, von denen einige wieder von mir sein werden und andere nicht. Ich finde zwar, das sieht man eigentlich, aber wenn ein Bild von mir selbst gezeichnet worden ist, dann erwähne ich das explizit, ansonsten einfach annehmen, das Bild ist von jemand anderem.

Jedenfalls, was ich mit diesem Bild zeigen wollte, ist folgendes: Sicher ist mein Bild auch diesmal nicht perfekt und ein Zeichenprofi kann mir sicher noch 1000 Dinge nennen, die ich in diesem Bild falsch gemacht habe. Ich selbst sehe ja auch schon ein paar Fehler. Worüber wir uns aber trotzdem hoffentlich einig werden können, ist dass das Bild trotz allem noch ziemlich hübsch aussieht (fühlt sich irgendwie doof an, das so über mich selbst zu sagen…). Und das ist meiner Meinung nach ja das, worauf es ankommt, wenn es darum geht, „zeichnen zu können“: Bilder produzieren zu können, die man angucken kann und die einem dann gefallen.

Das ist der erste Schritt. Wenn ihr mir soweit noch folgen könnt, läuft bisher alles prima. Als nächstes will ich euch zeigen, dass man gar nicht so viel können muss, um so ein Bild wie dieses erzeugen zu können. Ich selbst zeichne z.B. auch nicht wirklich viel oder oft, neben kleineren und sowieso eher hässlichen Kritzeleien habe ich in meinem Leben gerademal 17 Blätter Papier vollgeschmiert (ich weiß das genau, da ich alles, was halbwegs nach was aussieht und wo ich mir einigermaßen Mühe gegeben habe, aufhebe) und gut zwei Drittel davon erst, seit mein Blog existiert. Sonderlich viel Erfahrung braucht es, um auf mein Level zu kommen, also schon mal nicht.

Ich habe auch nie irgendwie Zeichenkurse besucht oder mir anderweitig zeichenrelevantes Wissen angeeignet, sondern alles mehr oder weniger durch Ausprobieren und logisches Nachdenken erschlossen. Und genau das will ich jetzt hier mit euch machen. Und damit auch wirklich niemand behaupten kann, er käme nicht mit, fangen wir wirklich beim Urschleim an:

Das ist ein Würfel.

Das ist ein Würfel (den hab ich gemacht, übrigens, zwei Minuten bevor ich diesen Abschnitt hier schreibe), auch wenn es auf dem Computer erschreckend wenig wie ein Würfel aussieht, sondern mehr wie ein Quader. Ist aber ein Würfel. Jedes Kind kann mit einem Lineal oder Winkeldreieck so ein Ding zeichnen und damit ihr mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch. Bis hierhin will ich einfach nur sichergehen, dass wir noch alle gleich denken. Also gleich mal Hand hoch, wer ist von sich überzeugt, dass er keinen Würfel zeichnen kann?

Natürlich ist da noch ein riesiger Unterschied zwischen diesem Würfel und einem „richtigen“ Bild, denn richtige Bilder sind natürlich viel komplexer und man kann nicht überall ein Lineal benutzen, damit die Linie auch genau so gerade aussieht, wie sie aussehen soll, man kriegt mit freier Hand auch keine rechten Winkel perfekt hin und erst Recht keine Kreise. Und das muss man auch nicht! Wenn ich versuche, einen Würfel ohne Hilfsmittel zu zeichnen, sieht das nämlich so aus:

Das ist ebenfalls ein Würfel. Ein hässlicher, aber immer noch zweifellos ein Würfel!

Mein Würfel. Meiner!

 Die häufigste Ausrede, die ich an dieser Stelle erwarte, ist: „Ja, aber, wenn ich einen Würfel zeichnen würde, dann sähe der viel beschissener aus als deiner.“ Man muss aber gar keine perfekten, geraden Linien und Winkel hinbekommen können, um ein hübsches Bild produzieren zu können. Auch ich kann das nicht ohne viel Aufwand und Korrekturen und ich vermute mal, den meisten Profis dürfte das nicht anders gehen. Einfach, weil es darauf überhaupt nicht ankommt.

Wichtig ist nicht, dass man exakt das hinbekommt, was man eigentlich wollte, sondern dass das Ergebnis einem gefällt, und das tut es oftmals auch dann, wenn es von den eigenen Vorstellungen abweicht, manchmal dann sogar besser als geplant. Auch viele professionell wirkende Bilder bzw. solche, bei denen man draufguckt und denkt „okay das sieht echt gut aus“ sollten wahrscheinlich ursprünglich ganz anders aussehen oder besitzen sogar noch sichtbare Fehler, die einem als Laie aber einfach nicht auffallen oder das Bild halt nicht wirklich hässlicher machen. Nur mal so als Beispiel:

Lord of Vermillion Rishia

Das hab ich nicht gezeichnet, nur mal so. Dieses Bild hier war mir aber auf dem ersten Blick echt positiv aufgefallen. Und das obwohl es eigentlich, wenn mans genau nimmt, ziemlich viele krasse „Fehler“ beinhaltet. Ich meine, der Übergang vom Oberkörper zu den Beinen ist total komisch und obwohl der rechte Arm weiter vorne ist, ist das rechte Bein eher hinten. Das linke Bein wirkt schon fast ein wenig wie abamputiert und auch sonst hängen die einzelnen Elemente entweder nicht richtig zusammen oder die Übergänge wurden direkt verborgen (eine beliebte Technik übrigens, auf die ich später nochmal eingehe).

Und obwohl hier doch schon einiges falsch gelaufen ist, finde ich das Bild jetzt nicht direkt hässlich deswegen. Und was sich bei diesem Bild hier eher deutlich zeigen lässt, funktioniert bei vielen Bildern die uns optisch ansprechen ähnlich, nur muss man da eben auch mal genauer hinsehen oder braucht dann schon ein wenig Zeichenerfahrung, um das zu bemerken.

Nachdem wir das abgehandelt haben, machen wir mit Starlins „Man kann nicht nicht zeichnen können!“-Crashkurs weiter. Bisher haben wir gelernt, wie man schiefe Würfel zeichnet, wie kommt man von da aus zu einem „richtigen“ Bild? Im Endeffekt bestehen auch richtige Bilder aus nicht viel mehr als verschiedenförmigen Linien. Wer Würfel bzw. Linien zeichnen kann, hat daher eigentlich alles, was er braucht, um ein vollständiges Bild zu zeichnen – und da absolut jeder Linien zeichnen kann, ist auch jeder fähig, ein vollständiges Bild zu zeichnen.

Dass die Beine hier wirklich extraordinär lang sind, fällt auch überhaupt nicht negativ auf, meiner Meinung nach.

Dass die Beine hier wirklich extraordinär lang sind, fällt auch überhaupt nicht negativ auf, meiner Meinung nach.

Als ich ein Kind war, hab ich zunächst mal einfach Bilder abgepaust. Ihr wisst schon, Abpausen, das ist diese Technik, mit der man kleinen Kindern vorgaukelt, sie wären unglaubliche Zeichentalente. Als Kind hatte ich dafür extra so eine Art Tisch wo man eine Lampe drunterstellen konnte mit verschiedenen Motiven, die einem dann auf den Tisch projiziert wurden. Die Linien musste man dann einfach nachzeichnen und das kann auch jedes Kleinkind. Mit der heutigen Technik geht das noch viel einfacher: Jeder Flachbildschirm ist genug ausgeleuchtet und meistens auch groß genug, dass man ein Blatt Papier davorlegen kann und dann was auf dem Bildschirm ist trotzdem noch durchsieht und dementsprechend nachzeichnen kann.

Natürlich wird man beim Abpausen auch ein paarmal verwackeln oder irgendwas falsch machen und manche Dinge lassen sich auch nicht ganz so einfach abpausen wie andere (z.B. Trennlinien zwischen sehr dunklen Flächen oder Linien, die dünner sind als euer Bleistift). Das ist aber alles halb so wild und selbst mit all diesen Fehlern, solange das Originalbild für euch gut aussieht, wird eure abgepauste Version davon zu 97% genauso gut aussehen. Und jeder Fehler hilft euch dabei, besser zu verstehen, worauf es beim Selber-Zeichnen ankommt.

Zusammengefasst sind die Vorteile vom Abpausen wie folgt:
– Es fordert euch so gut wie gar kein Zeichentalent oder Können ab – jedes Kind kann das.
– Abpausen dauert nur wenige Sekunden bis zu ein paar Minuten.
– Ihr erkennt, dass man auch für sehr schöne Bilder keine geheimen, superschwer erlernbaren Uber-Skills benötigt, sondern jedes Bild mehr oder weniger nur eine Ansammlung von verschiedenförmigen Linien ist.
– Ihr lernt fürs Zeichnen zentrale Erkenntnisse, z.B. in welchen Winkeln Augen zueinander stehen müssen, damit es „richtig“ aussieht, einfach durch Nachahmung von Bildern, in denen es bereits richtig gemacht wurde.
– Nicht jede Abweichung macht euer Bild gleich hässlicher; Euer Ergebnis wird stets zu 97% so gut aussehen wie das Originalbild.
– Jede Abweichung vom Originalbild, die eure Kopie tatsächlich hässlicher macht, gibt euch einen Hinweis darauf, was man beim Zeichnen beachten muss und ihr könnt das Problem jederzeit im direkten Vergleich mit dem Original erschließen.
– Wenn ihr das öfters macht, fallen euch bestimmte Musterelemente auf, die auch in ansonsten sehr verschiedenen Bilder immer gleich sind, solches Wissen hilft euch dabei, später Bilder selbst zu zeichnen

Es hat aber auch Nachteile:
– Ihr kopiert dadurch einfach nur Bilder, die es schon gibt. Daher fühlt es sich nicht wirklich so an, als hätte man etwas selbst geschafft/geschaffen.
– Da Abpausen wirklich kinderleicht ist, ist man nachher nicht wirklich stolz auf seine Leistung.
– Da ihr nur unreflektiert kopiert, was da ist, übernehmt ihr auch sämtliche Fehler, die in dem Originalbild gemacht wurden, und habt nicht wirklich die Möglichkeit, sie auszubessern.
– Eure Kopie wird nie wirklich besser aussehen als das Original.
– Da man fürs Abpausen besondere Lichtverhältnisse braucht, kann man nie gleichzeitig sein Bild und das Original sehen.
– Manche Dinge kann man nur durch Selber-Zeichnen lernen.

Abpausen ist aus meiner Sicht ein guter Weg, um mit dem Zeichnen anzufangen, aber man sollte sich gewahr sein, dass das nur der Weg und nicht das Ziel ist. Der nächste Schritt, den ich gegangen bin, ist Bilder abzuzeichnen. Das funktioniert eigentlich fast genauso wie Abpausen und doch ziemlich anders. Beim Abpausen hat man die Linie des Originals genau vor sich und muss sie eigentlich nur nachziehen, beim Abzeichnen legt, stellt, hängt oder sonst was man sich das Bild daneben und versucht, das Bild auf einem neutralen (leeren) Untergrund nachzuzeichnen.

Benio und Benio....und ganz viele Augen.Benio 19

Hier nochmal ein Bild von mir, als erstes entstand rechts die abgezeichnete Version und danach hab ich dasselbe Original (das Bild darunter) nochmal links daneben abgepaust, weil ich mit dem Ergebnis so unzufrieden war (so sieht es aus, wenn ich mir beim Zeichnen nicht sonderlich viel Zeit und Mühe gebe; ignoriert mal noch die ganzen Augen und die schreiende Umi oben links, die nur meinen geistigen Zustand in Anbetracht dieses Bildes ausdrücken sollte). Das Ergebnis eignet sich dafür ganz gut, um den Unterschied zwischen Abpausen und Abzeichnen zu verdeutlichen.

Beim Abzeichnen hat man die Linie, die man gerade zeichnen will, zwar immer noch visuell vor sich, muss aber die genaue Richtung und Länge abschätzen und daraus ergeben sich in den meisten Fällen deutlich stärkere Abweichungen, als die die beim Abpausen entstehen. Man kann meine linke Version ziemlich deutlich noch als Benio erkennen, obwohl ich bei dem linken Bild kein bisschen mehr Mühe investiert habe (beide Zeichnungen dauerten etwa 5-10 Minuten). Ganz links an den Haaren bin ich zum Beispiel ziemlich stark verwackelt, was dem Bild aber kaum einen Abbruch tut.

Das Linke Bild erkennt man auch ohne Original zweifellos als Benio, das Rechte dagegen sieht eher aus wie Benios etwas größere, tsunderemäßigere Schwester. Es ist nicht mehr ganz das Gleiche, aber die Ähnlichkeit ist nach wie vor erkennbar. Mein erstes Bild oben war übrigens auch im Kern eine Abzeichnung mit einigen leichten Veränderungen, das Original sieht so aus und dürfte Lesern meines Blogs ohnehin bekannt vorkommen:

Best Yoshiko.

Es dürfte ein wenig qualitativer Unterschied zwischen der Yoshiko und den Benio-Duplikaten auffallen, was halt auch daran liegt, dass in der Yoshiko einige Stunden an Arbeit und Korrekturen drinstecken, anstatt einfach nur ein paar Minuten und die Benios eh mit Kugelschreiber (also Korrekturen sowieso unmöglich) gezeichnet waren. Abzeichnen hat den Vorteil, dass man seine Zeichnung besser im Blick hat und immer wieder abgleichen kann, ob alles „richtig“ aussieht. Dadurch kann man sehr präzise Korrekturen durchführen, die im Kern eigentlich fast so wie Abpausen funktionieren.

Wenn ihr mir das nicht glaubt, dann machen wir doch ein einfaches Experiment. Nehmt euch ein leeres Blatt und versucht in einem Versuch ohne Hilfe eine Linie von exakt 5cm zu zeichnen. Schwer, oder? Nachdem ihr überprüft habt, wie lang die Linie ist, lasst diese Linie stehen und versucht direkt daneben nochmal genau dasselbe. Schon viel einfacher und genauer, oder? Als drittes zeichnet ihr nicht eine Linie nochmal von neu auf, sondern verkürzt oder verlängert eine der zwei bestehenden Linien, bis es genau passt (aber natürlich ohne das Lineal beim korrigieren direkt ranzuhalten). Es wird eben umso einfacher, je mehr Vergleichsobjekte man hat. Deswegen sind Vorzeichnungen auch so hilfreich, obwohl man die nachher wieder wegradiert.

Abzeichnen ist zwar schon etwas schwieriger als Abpausen, macht euch aber auch flexibler was Korrekturen angeht und damit eigenständiger. Das bringt den Vorteil mit sich, dass ihr zwar immer noch im großen und ganzen kopiert, aber auch kleine Dinge variieren könnt (wie ich zum Beispiel den Arm im Yoshiko-Bild sowie andere kleine Sachen). Dadurch ergibt sich die Möglichkeit, dass ihr Dinge, die euch im Original weniger gut gefallen, abändern könnt und eure Version dementsprechend sogar besser aussehen kann als das Original. Nicht zuletzt besitzt eure Zeichnung dann auch immer etwas Eigenes und das fühlt sich viel besser an, als etwas einfach nachgemacht zu haben – auch wenn das Original vielleicht doch besser aussieht.

Auch eine hübsche, jedoch nicht sonderlich schwierige Zeichnung (nicht von mir).

Auch eine hübsche, jedoch nicht sonderlich schwierige Zeichnung (nicht von mir).

Also nochmal: Linien zeichnen kann definitiv jeder. Abpausen kann auch definitiv jeder. Abzeichnen erfordert schon ein klein wenig Präzision und Abschätzungsvermögen, was man jedoch mithilfe von Korrekturen, die wiederum kaum Fähigkeit benötigen, bis zu vollständig kompensieren kann. Niemand erzeugt eine perfekte Zeichnung, die vielleicht aus 1000 Strichen besteht, indem er jeden Strich genau beim ersten Mal genau richtig hinbekommt. Auch in professionellen Zeichnungen stecken massenweise für den Bildbetrachter unsichtbare Korrekturen und Fehler.

Man muss sich nur die Zeit nehmen, sie auch durchzuführen, und wenn das euer Problem ist, dann liegt das nicht daran dass ihr nicht zeichnen könnt, sondern dass ihr nicht die Lust habt ausreichend Mühe in eure Arbeit zu stecken, also dass ihr nicht zeichnen wollt. Und ich glaube, sehr viele Menschen überschätzen einfach, wie viel Mühe eine ordentliche Zeichnung kostet oder wollen es einfach nicht wahrhaben, dass es eigentlich so einfach geht. Das erste Bild, das ihr richtig zeichnen können müsst, ist im Kopf euer Bild davon, wie zeichnen können überhaupt funktioniert.

Nachdem die junge Starlin nun die unfassbaren und geheimen Techniken des Abpausens und Abzeichnens gemeistert hatte, fand sie nach einer Weile, dass auch das nicht mehr genug war. Bisher hatte sie zwar leichte Variationen einbauen können, aber letztlich reproduzierte sie immer noch nur Dinge, die bereits da waren. Sie wollte aber auch mal etwas eigenes, etwas selbst gezeichnet haben. Allerdings hat sie nie gelernt, wie man etwas ohne eine Vorlage zeichnet. Was tun?

Wer Kommentare liest, kennt sie schon: Meine bisher eigenständigste Zeichnung.

Wer Kommentare liest, kennt sie schon: Meine bisher eigenständigste Zeichnung.

Der nächste logische Schritt wäre wahrscheinlich, dass man als nächstes versucht, sich ein Bild im Kopf vorzustellen und dann dieses sozusagen abzuzeichnen, aber das fände ich ehrlich gesagt auch schwierig. Was ich dann gemacht habe, ist mir zu überlegen, wie das was ich zeichnen will ungefähr aussehen soll und dann habe ich nach Bildern gesucht, auf denen so etwas oder sowas ähnliches zu sehen ist. Wenn ich also einen bestimmten Charakter in einer bestimmten Pose und mit einem bestimmten Outfit zeichnen möchte, dann suche ich mir jeweils ein Bild, in dem diese Pose, dieser Charakter und dieses (oder jedenfalls so ein ähnliches) Outfit zu sehen ist und kombiniere das dann.

Das ist dann zwar genau genommen auch nichts völlig von mir selbst Geschaffenes, aber dass man ohnehin nie etwas kreieren kann, das es nicht schon gegeben hat, habe ich ja schonmal einem früheren Artikel gezeigt. Selbst wenn man einen eigenen Charakter zeichnen möchte, funktioniert das noch: Hat mein eigener Charakter einen Pferdeschwanz, suche ich eben nach Bildern mit Pferdeschwänzen et cetera. Wie gesagt muss man ja nicht alles 100% genauso abzeichnen (das sähe echt doof aus wenn das Bild von der Frisur z.B. aus einer anderen Perspektive wie der Kopf ist und dann aus einem Ponytail ein Sidetail wird), aber es ist halt schon einfacher, als gar kein Referenzmaterial zu haben.

Und man hat dann immer noch Raum, um eigene Variationen einzubringen, wie ich es zum Beispiel auch in meinem Vocaloid-Bild getan habe. Auch eigene Bilder zeichnen benötigt deshalb nicht unbedingt mehr Fähigkeiten als Abpausen und Abzeichnen, man braucht halt nur wenigstens eine Idee, was man denn insgesamt machen möchte und wie man das Ganze noch im Detail variieren möchte. Kreativität braucht man dafür nicht wirklich. Bei meinem Vocaloid-Bild kam da zum Beispiel dieser schon sehr individuelle Himecut-Ponytail-Hybrid und dieses merkwürdige Dompteurs-Outfit raus…

*Meins.

*Meins.

Ab da hatte ich dann meinen eigenen Charakter und damit beginnt eigentlich erst der richtige Spaß am Zeichnen. Wenn ich diesen Charakter nämlich jetzt nochmal zeichnen möchte, dann muss ich mich ja so ungefähr an das Design halten, was ich in meinem ersten Bild verwendet habe. Durch meinen persönlichen Zeichenlernweg ergab sich aber ein Problem: Ich hatte noch gar nicht so etwas wie einen persönlichen Stil entwickelt. Wenn in meiner Vorlage zum Beispiel ein bestimmtes Augendesign vorlag, dann habe ich das bisher in meinen Bildern einfach so übernommen. Nun habe ich aber einen eigenen Charakter und der möchte bitte nicht in jedem Bild ein anderes Augendesign haben.

Ich stehe also vor der Frage: Welches Augendesign passt zu meinem Starlin-Charakter? Dadurch entstanden auch die ganzen Augen um das Benio-Bild herum. Ihr könnt mir ja mal in den Kommentaren schreiben, welches Design davon ihr passend finden würdet (gerne auch abseits der Beispiele auf dem Benio-Bild). Ich finde ja, Starlin braucht was, das irgendwie creepy aussieht aber doch auch universal einsetzbar ist. Ein zweites Problem war, wenn ich mich mal für ein Design entschieden habe, dann möchte ich das ja auch konstant beibehalten, damit es sozusagen Canon wird. Jetzt hatte ich zum Beispiel diese Frisur mit den nach hinten gesteckten Strähnen und musste sie in diesem Bild hierdrüber von vorne zeichnen. Da das aber meine individuelle Variation war, fand ich dafür keine Vorlage dazu, wie sowas auszusehen hat – oh shit!

Das Problem war nämlich, dass die Strähnen von oben normalerweise diesen Haaransatz nämlich einfach verdecken würden. Und es macht eigentlich auch gar keinen Sinn, sich die Haare so nach hinten zu stecken…ich hab das einfach nur gemacht weil ich irgendwas Besonderes haben wollte. Als Lösung kamen mir dann diese kleinen, niedlichen Hörnchen. Denn klar, man möchte ja die Stirn an diesen Stellen frei haben, wenn da Hörnchen wachsen können. Und sie trennen und verdecken ganz praktischerweise dann den Übergang von den Strähnen zu dem Haaransatz.

Auch meins.

*Auch meins.

Auf diese Weise ist man dann andauernd mit Problemlösungen konfrontiert, die das Zeichnen erst richtig spannend machen. Verdammt, wie sieht denn dasselbe Ding jetzt von der Seite aus? Und Mensch, dieses Teil da ergibt ja eigentlich gar keinen Sinn! Und dadurch lernt man auch ganz viele neue Dinge übers Zeichnen. Denn obwohl das Teil eigentlich keinen Sinn ergeben hat, hat es in der einen Zeichnung ja doch irgendwie funktioniert. Dadurch merkt man erstmal, wie viel man in einer Zeichnung eigentlich tricksen kann und wie viel in echten Zeichnungen auch tatsächlich getrickst wird.

Haare sind zum Beispiel die ideale Ausrede um bestimmte Gesichtsareale zu verstecken und dasselbe funktioniert auch mit dem Körper und Kleidung. Schließlich wird sich kein Mensch je wundern, warum ein Charakter Haare hat oder Kleidung trägt. Man findet beispielsweise praktisch nie ein Bild, wo das Gesicht  malnicht mit diesen Mondsichelförmigen Strähnen gerahmt ist oder ihr wisst gar nicht wie oft eigentlich Beine in unnatürlichen Winkeln unter einem Rock hervorkommen… (Sowas kommt halt davon, wenn man keine Vorzeichnung macht…wie ich manchmal.)

Ich glaube damit habe ich alles gesagt, was ich in diesem Artikel sagen wollte. Er ist ja auch lang genug geworden und dauerte deshalb auch etwas länger. Vorderrangig wollte ich zeigen, dass man kein krasses Zeichentalent sein muss, um schöne Bilder zeichnen zu können, und dass viele Bilder die man selbst schön findet nicht unbedingt auch fehler- oder trickfrei sein müssen. Nebenbei wollte ich dann noch ein wenig mit meinen jüngsten Zeichnungen angeben und ein wenig von den spannenden Erkenntnissen erzählen, die ich dabei so hatte.

Falls ihr womöglich kommentieren wollt (Gott bewahre), mich interessieren vor allem die folgenden Dinge: Was für ein Augendesign würdet ihr für Starlin vorschlagen? Wisst ihr vielleicht von anderen typischen Zeichentricks, mit denen man sich das Zeichnen einfacher machen kann oder kennt ihr andere Muster, die seltsamerweise im vielen Zeichnungen gleich sind und wüsstet gerne wieso? Und wenn ihr immer noch überzeugt seid, nicht zeichnen zu können, an welchem Punkt seid ihr ausgestiegen (beim Würfel, beim Abpausen, beim Abzeichnen oder beim Selbst-Zeichnen)? Natürlich könnt ihr aber auch andere Dinge kommentieren und euch darüber lustig machen, wie schlecht ich im Würfelzeichnen bin.

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6 Kommentare zu “Was man so als Amateurzeichnerin lernen kann

  1. Petschko sagt:

    Du hast natürlich recht, Leute, die sagen sie könnens nicht, habens nie versucht. Ich selbst bin, wenn ich das mal so in den Raum stellen kann – eher nur aus interesse in die schiene zu zeichnen gekommen – Ich hab gemerkt, je öfter man Zeichnet, desto besser wird man. Üben, üben, üben! Sowas wie „begabung“ gibt es nicht.

  2. Tolle Zeichnungen – WOW! Und damit meine ich definitiv Deine! Zeichnungen 🙂 – Glg – herta

    • StarlinM00N sagt:

      Meine Zeichenartikel erfreuen sich irgendwie immer einer zeitlosen Beliebtheit. Ich wette mal, mein Würfel hat dich ganz besonders beeindruckt!
      Ich hatte ja jetzt eine Weile keine Zeit mehr zum Zeichnen gefunden, will aber mal wieder etwas mehr zeichnen. Bestimmt kommt davon dann auch mal wieder etwas auf meinen Blog.

      • Ja, der Würfel ist super :- D Die anderen Arbeiten sind aber auch beeindruckend. Die liebe Zeit. Immer zuwenig davon. Und hat man mal welche, so soll man sich künstlerisch betätigen, entspannend.. Liebste Grüße – Herta

  3. […] gezeichnet habe, vor allem größtenteils aus eigener Kraft. Mein bisheriger Favorit war übrigens dieses Yoshiko-Bild, bei dem ich sehr nah am Original blieb und man erkennt sofort den Unterschied zu den Bildern, bei […]

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