Wie schreibt man einen guten Plottwist?

Den wollte ich schon ewig mal bringen.

Als Frage könnte oben genauso gut stehen: Was macht denn eine gute Geschichte (Story) aus? Doch scheint mir diese Frage nicht so einfach zu beantworten, weshalb ich mich erst mal einem einzelnen Aspekt widme. Denn wenn ich so überlege, von welchen Geschichten ich immer am meisten gehyped war, dann fallen mir zuallererst solche mit richtig krassen Plottwists ein. Aber wie macht man einen Plottwist so, dass man mit diesem erhabenen Gefühl dasitzt, an nichts anderes mehr denken kann als wie geil das soeben war und am liebsten sofort jedem, den man begegnet, damit zulabern möchte?

Fangen wir mal mit dem Urschleim an: Was ist denn ein Plottwist überhaupt? Was der Name ausdrückt ist ja, dass der Handlungsstrang, wir können uns das in etwa so vorstellen wie ein Zeitstrahl, durch den Twist von seiner ursprünglichen Richtung in eine andere „gedreht“ wird. Von der Produzentenperspektive stimmt das ja eigentlich nicht, schließlich denkt sich kein Autor den Twist erst in dem Moment aus, in dem er eintritt, der Twist war also von vornherein „Teil des Planes“, also: des Plots. Dieses Zeitstrahldenken ist ein Erzeugnis der Rezipienten.

Und zwar geschieht das auf dieselbe Weise wie im Persönlichkeits-Artikel: Durch unsere Erfahrung mit ähnlichen Geschichten und durch logische Zusammenhänge (wenn X passiert, dann muss Y folgen) bilden wir im Kopf ein Erwartungsbild, „wie die Handlung wahrscheinlich verlaufen wird“. Meiner Meinung nach geschieht dies unweigerlich, also auch, wenn wir überhaupt nicht über die Geschichte nachdenken. Ein Twist ist also ein Element, welches die Handlung von diesem Erwartungszeitstrahl ablenkt. Damit ist schon mal ein Teil der Frage beantwortet, denn eine Handlung, die immer genau so abläuft, wie wir es erwarten, ist natürlich langweilig und hat es demnach schwerer, uns zu begeistern.

Nana, man zeigt nicht mit nackten Maschinengewehrläufen auf angezogene Leute

Es wirft aber auch gleichzeitig neue Fragen auf: Heißt das, ein Plottwist ist etwas Subjektives, da ja jeder andere Serien geschaut hat und daher andere Dinge erwartet? Ist es denn kein Twist mehr, wenn wir im Vornherein erwarten, dass der Twist kommt?  Ist es kein Twist mehr, wenn wir bereits wissen, dass Yoshino der Freund von Mahiros Schwester ist, wir bereits wissen, was er tun würde, wenn er es erfährt, und dass er es wohl zwangsläufig irgendwann erfahren wird?

Bezüglich der ersten Frage würde ich sagen: Nein. Oder höchstens teilweise. Ich denke zumindest, dass man das ziemlich einfach trennen kann, ob ein Twist jetzt unerwartet kommt oder überhaupt ein Twist ist. Auch, wenn man schon vorausahnt, dass ein Umbruch passieren wird, so kann man sich ja immer noch vorstellen, wie die Handlung weitergehen würde, wenn dieser nicht eintritt. Bezüglich der anderen Frage heißt das dann: Doch, ist es selbstverständlich auch dann noch.

Auch Twists hängen also mit Erwartungen zusammen und ist demnach was Relatives. Wie hilft uns das, einen guten Twist zu schreiben? Ein „guter“ Twist wäre dann quasi, wenn dieser die Handlung in eine spannendere, interessante Richtung lenkt, als sie zuvor eingeschlagen hätte. Das ist noch eine ziemlich langweilige Erkenntnis, mir fällt auch kein Beispiel ein, wo ein Twist eine spannende Handlung ins Belanglose umgelenkt hätte. Wobei…Inu x Boku SS hatte sowas…nicht zu vergessen das berühmt-berüchtigte erzwungene Happy End.

Aber das sagt uns auch noch nichts, denn was macht denn eine Handlung überhaupt spannend? Das allein ist eine sehr gute Frage, mit der man sicher einen eigenen Artikel füllen könnte. Als einzige, sicher zu vereinfachte Antwort fiele mir ein, dass Spannung am ehesten dadurch entsteht, dass die Protagonisten vor Problemen gestellt werden. Für einen Plottwist heißt das, dass die Probleme sich quasi nur von arg zu ärger entwickeln dürfen. Dazu fällt mir auch gerade ein Beispiel, in dem das sehr gut umgesetzt wurde, ein…

Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, warum alle Leute ihn so hassen. Er hat für fast alle coolen Dinge, die dieser Anime hatte, gesorgt.

Wichtig ist dabei die Relativität. Je spannender eure Handlung von Anfang an ist, umso weniger wird ein Twist bedeuten, denn von gut zu ausgezeichnet ist ein kleinerer Schritt als von so lala zu ausgezeichnet. Und das ist erst eine gewinnbringende Erkenntnis, denn selbstredend will man als Autor von Beginn an seine Geschichte so toll wie möglich machen. Aber wenn es wirklich die Twists sind, die besser als das stärkste Aufputschmittel auf unsere Rezipienten wirken, verhindern wir uns damit nicht selbst unsere Chance, sie so richtig zu beeindrucken?

Ich würde diese Frage mal vorerst unbeantwortet lassen, denn ich bin mir da selbst nicht so sicher. Ich kenne ein paar Werke, bei denen ich der Ansicht bin, dass man hier absichtlich mit den Erwartungen der Leser oder Zuschauer gespielt hat – am ehesten dürften euch Danganronpa oder aktuell Donten ni Warau was sagen. Sprich, man hat dort absichtlich auch ein paar schwächere Momente eingebracht, um einen dann mit den Twists so richtig kalt zu erwischen. Wenn einem das gelingt, bewirkt man nicht nur den Effekt an sich, sondern noch dieses Extra-Fitzelchen an Reue, weil man die Geschichte ganz falsch eingeschätzt hat.

Das ist die eine Variable. Daneben gibt es noch eine zweite, nämlich, wie vorhersehbar ein Twist ist (auch wenn das wie erwähnt ein wenig zusammenhängt, denn von einer Serie, die bisher nichts geleistet hat, erwartet man natürlich den supermegaspecialawesome™ Twist nicht). Aber betrachten wir den Twist mal unabhängig davon, ob wir ihn der Serie zutrauen. Ein guter Twist soll natürlich überraschend sein, aber das birgt dann wieder die Gefahr, dass der Twist aus heiterem Himmel kommt und das wird den Leuten dann wieder nicht gefallen.

Zu diesem Zweck existiert Foreshadowing. Doch auch das einzusetzen will gelernt sein, schließlich soll ja nicht gleich die Überraschung verloren gehen. Im Idealfall wollen wir das Gefühl erzeugen, dass der Rezipient denkt: „Verdammt, das hätte ich doch schon längst wissen können!“ ohne, dass er es aber tatsächlich weiß. Diesen Gratakt erfolgreich auszuführen ist verdammt schwierig. Man kann sich das ein wenig wie ein Puzzle vorstellen: Man gibt dem (aufmerksamen) Rezipienten bereits einige Teile in die Hand, aber möglichst nur vereinzelte, sodass dieser das Gesamtbild noch nicht erkennen kann.

Die Kunst des Vorschattierens

Die Sache ist nämlich die, einen unaufmerksamen Leser oder Zuschauer werdet ihr jederzeit verarschen können. Doch wenn ihr euer Publikum begeistert habt – und das ist schließlich euer Ziel – dann werden die enthusiastisch jedes kleine Krümelchen zusammenpuzzlen, dass ihr ihnen hinreicht, die werden Vermutungen über eure Geschichte anstellen, auch wenn es da gar nichts zu vermuten gibt. Und mit zu offensichtlichen Vorausdeutungen werdet ihr denen die Motivation eher nehmen. Aber das hier wäre nicht mein Blog, wenn ich nicht dafür einen Kniff zur Hand hätte.

Der Trick ist nämlich, die Puzzleteile so hinzureichen, dass sie mit den aktuellen Informationen ein ganz anderes Bild (einen ganz anderen Sinn) ergeben. Euer enthusiastisches Publikum wird sich freuen und stolz sein, euch auf die Schliche gekommen zu sein und wird deshalb, weil sie ja denken, sie hätten das Puzzle schon fertig, nicht mehr weiter rätseln. Dann muss etwas Zeit vergehen und letztlich folgt ein Ereignis, wodurch eben diese Informationen neu interpretiert werden müssen (den Zusammenhang lasst ihr aber im dunkeln). Diesen Trick durchschaut wirklich so gut wie niemand (ich falle selbst auch jedes Mal darauf herein).

Dahingehend, wie man das jetzt durchführt…die Erklärung würde wohl etwas zu lange dauern. Würde sicher auch wenig bringen, da die Ausführung ja auf jede Geschichte angepasst werden muss und diese im Vornherein komplex (und lang) genug sein muss, um sowas einsetzen zu können. Mir fallen da zwei beliebte Beispiele ein, die euch sicher ein Begriff sein sollten und die das sicher besser Illustrieren als jede Erklärung:

Wohnst du noch, oder lebst du schon? So many fancy numbers!

An dieser Stelle wollte ich jetzt eigentlich noch auf eine besondere Art des Twists eingehen, dem Charaktertod. Aber wenn ich mir die Anzahl Wörter in diesem Post so anschaue, dann wird das wohl nichts. Dementsprechend versetze ich das in meinen nächsten Artikel. Ihr könnt euch also schon mal freuen auf mehr lustige Theorienbildung, Antworten auf Fragen die ihr euch nie gestellt habt, und jede Menge Kopfschütteln über Akame ga Kill.

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3 Kommentare zu “Wie schreibt man einen guten Plottwist?

  1. […] welchen Kriterien kann man beurteilen, ab wann eine Handlung gut ist? Ich hatte kürzlich einen Artikel über Plottwists geschrieben, aber das alleine macht eine Handlung ja nicht aus. Tiefer hatte ich mich damit aber […]

  2. Yuki sagt:

    Vorerst Danke für die Tipps ^^
    Ich versuche zurzeit selber eine Geschichte zu schreiben, aber denke sie erst durch, bevor ich sie auf das Papier bringe und da können die Tipps vielleicht nochmal helfen 🙂

    Aber eine Frage hab ich so zwischendurch. Und zwar meintest du/Sie ja, dass bei Inu x Boku SS der Plot twist vom spannenden ins Belanglose wechselt.
    An welcher Stelle meinst du/ Sie das? Also meinst du/Sie das an der Stelle, an der rauskommt, das die Briefe von Soshi sind oder das sie den falschen Brief abgeben hat oder doch wo anders?
    Und Vorallem ist nur der Anime oder auch der Manga gemeint? Weil der Anime ist ja sozusagen nur der Prolog zum Manga ^^“ (Ja sorry ist mein absoluter Liebling deshalb bin ich jetzt neugierig xP)

    Danke schonmal 🙂

    • StarlinM00N sagt:

      Ich habe nur den Anime davon gesehen, deshalb kann ich mich nur auf den Anime beziehen. Dieser hatte allerdings so eine Eigenheit, dass er einem immer wieder vorgaukelte, dass etwas ernstes vorgeht, nur damit am Ende herauskommt, dass es alles nur ein Missverständnis war.
      Nur so als Beispiel: In einer Folge war ein Monster ins Haus eingedrungen und eine Sicherheitsvorrichtung hat alle in ihren Zimmern eingesperrt. Die ganze Folge über bangen die Charaktere um ihr Leben. Am Ende stellt sich aber heraus, dass das Monster komplett ungefährlich ist.
      Ich wollte damit nicht ausdrücken, dass die Serie schlecht ist, ich mochte die Serie für ihre Romantik, aber spannende Twists waren nicht unbedingt eine ihrer Stärken. Wenn es dich interessiert, ich hab damals einige Artikel über die Serie geschrieben, kannst du ja vielleicht mal danach suchen.

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