Die Ausdifferenziertheitsskala

Der von mir am meisten gesuchte Tag auf Danbooru heißt 'book', nur dass ihrs wisst.

Wenn in meinem Startbild ein Buch zu sehen ist, wenn man einen Blick auf meine Kategorien geworfen hat, wenn man merkt, dass es langsam mal wieder an der Zeit ist oder wenn man allgemein in der Lage ist, beim Lesen solcher langen Sätze mitzudenken, ohne den Faden zu verlieren, dann könnte man daraus schließen, dass es mal wieder um eine Eigenschaft geht, die man in Büchern finden und ganz besonders in sie hineinschreiben kann. Diesmal handelt es sich dabei um den Detailgrad von Darstellungen.

Bücher sind in der Hinsicht anders als andere Medien – in Filmen, Serien oder Spielen sieht man das Geschehen direkt vor sich, da gibt es kein wenn und aber, ja sogar VNs sind in der Hinsicht begrenzt. Aber bei Büchern zeigt man das Geschehen nicht, man beschreibt es bloß und das wirkliche Geschehen spielt sich erst im Kopf des Lesers ab. Man hat als Schriftsteller die Freiheit, in seiner Darstellung so genau und detailliert zu sein, wie man gerade will und genauso hat der Leser dann die Freiheit, anhand dieser Darstellung das Geschehen so ablaufen zu lassen, wie es ihm gutdünkt.

Das ist etwas, was Bücher allen anderen Medien gleichzeitig voraus haben und ihnen hinterherhinken. Man kann nie vollkommen explizit sein, zwar kann man durch Beschreiben den Leser in eine bestimmte Richtung drücken und ihm nahelegen, aber was er mit dem gegebenen anfängt, ist im Prinzip ihm überlassen. Natürlich kann der Leser damit nichts machen, was den Beschreibungen des Buches widerspricht, aber man kann als Schriftsteller auch nicht die Position jeder einzelnen Fluse auf dem Pullover der Heroine aufschreiben, sowas würde den Lesern schnell langweilig. Zumindest den Weiblichen.

Es ist ja nicht so, als verwende ich diese Awakening-Bilder zur Feier der Ankündigung der MyUnit in Smash....baka.

Der Grad an Genauigkeit lässt sich aber gezielt einsetzen, um bestimmte Wirkungen zu erzielen. Nehmen wir uns doch mal etwas Einfaches wie eine Charakterbeschreibung als Beispiel. Man will natürlich mit seinen Elementen immer irgendwas erreichen, und sagen wir mal, wir wollen den Charakter einfach so perfekt wie möglich aussehen lassen. Nun haben wir da verschiedene Möglichkeiten:

Ich kann natürlich einfach schreiben: „Der Charakter sieht perfekt aus“. So, fertig. Irgendwie enttäuschend, oder? Aber ja, das ganz vage Extrem hat meistens einen etwas faden Beigeschmack, da fühlt man sich verarscht. Ich kann ja auch nicht einfach „Das beste Buch aller Zeiten“ auf ein Blatt Papier schreiben, das in der Mitte falten und damit ist es dann getan. Deswegen ist Bücher schreiben auch immer noch ein wenig was anderes, jemanden über ein Buch zu erzählen, es gibt da einfach einen gewissen Detailgrad, den man mindestens einhalten muss, sonst nehmen einen die Leute gar nicht erst ernst.

Versuchen wir also ein wenig auszuweichen, ohne zu viel von unserer Vagheit einzubüßen, das geringstmögliche also. Man könnte zumindest schreiben, der Charakter wäre wunderschön. Das ist jetzt auch nicht die Krone schriftstellerischer Schöpfungskunst, habe ich allerdings schon oft genug gelesen. Jedenfalls wird dann dieser Charakter für den einen schwarze Haare haben und für den anderen Rote, für wieder einen anderen vielleicht sind sie vielleicht sogar pink oder blau. Wieder jemand anderes wird sich vielleicht gar kein Bild machen und für den ist dieser Charakter nur eine schemenhafte, nicht näher definierte Gestalt, von der nur bekannt ist, dass sie wunderschön ist.

Jetztseht mir in die Augen und sagt mir, dass das Buch dieses Bild nicht mindestens 30% niedlicher macht!

Ich kann aber jetzt auch einfach anfangen und im Detail aufschreiben, wie ich mir diesen perfekten Charakter von Kopf bis Fuß vorstelle. Das kann dann natürlich seine Zeit dauern und ich kann euch schon mal im Voraus sagen, dass es für jede Eigenschaft, die ihr aufzählt, mindestens einen Menschen gibt, der mit dieser Eigenschaft nicht mitgeht, zumindest wenn ihr mehr als nur drei bis acht Leser habt. Auf der anderen Seite glaube ich aber auch, dass ich ohne Probleme behaupten kann, dass Prinzessin Zelda wunderschön ist, ohne dass mir die Leute groß widersprechen würden…

Natürlich langweilt ihr nur euren Leser, wenn ihr ihn über fünfzig Seiten hinweg nur mit Details quält, dieses Extrem geht also auch nicht. Aber ich will euch auch nicht mit einer Alltagsweisheit gehen lassen, die euch jeder Mensch mit etwas gesunden Menschenverstand geben könnte, von wegen „irgendwas in der Mitte“. Was ist überhaupt die Mitte? Sehr ihr, das ist auch so vage, dass es eigentlich schon kein Ratschlag mehr ist. Also, wann lohnt es sich denn, sich einem der Extreme anzunähern?

Der erste Faktor ist ziemlich pragmatischer Natur und dürfte euch allen noch einleuchten: Die Relevanz. Natürlich bringt es nichts, die Farbe der Klamotten jedes Menschen zu erwähnen, die euer Protagonist auf der Straße trifft. Wenn ihr aber wirklich ein bestimmtes Bild erzeugen wollt, dann solltet ihr dafür auch was tun. Der zweite Faktor sind eure eigenen Fähigkeiten. Auch wenn ihr das nicht hören wollt, aber wenn ihr euch nicht sicher seid, ob ihr eine Szene so darstellen könnt wie es ihr würdig ist, dann überlasst einen Teil davon lieber der Imagination eurer Leser.

ich will auch solche epische Dinge mit Büchern anfangen können!

Übrigens ist das alles andere als nur auf Aussehensbeschreibungen beschränkt, es lässt sich eigentlich auf sämtliche Bereiche ausdehnen. Egal, ob ihr einen besonders coolen Schwertkampf schreiben wollt oder es um das Innenleben eurer Charaktere geht, bei allen Dingen muss man sich fragen, wie detailliert man vorgehen will und ob man sogar erwähnt, in welchen Winkeln die Krieger ihre Hiebe schlagen und was für Geräusche ihre Klingen machen. Mit Geräuschen hat man es in Büchern übrigens besonders schwer. Ich für meinen Teil finde es zum Beispiel irgendwie superpeinlich, Schreie in direkter Rede eindeutig kenntlich zu machen, da überlasse ich lieber dem Leser, sich auszudenken, wie dieser Schrei genau klingen wird.

Ich habe mir zum Beispiel mal extra ganz besondere Schwerthiebe ausgedacht, um den Stil eines Charakters als exotisch darzustellen. Für solche Zwecke hilft es übrigens ungemein, sich ein paar zufällige Actionszenen anzuschauen und sich dabei zu überlegen, was man in diesen Situationen alles verändern oder besser machen könnte. Es müssen nicht mal besonders gute Szenen als Vorlage dienen – im Gegenteil, solche haben meistens nämlich schon einen ganz eigenen Stil.

Dann gibt es noch ein Stilmittel, das mit dem Detailgrad der Darstellung zusammenhängt, der sich die Ekphrasis nennt. Dabei geht es darum, ganz besonders exorbitante Detailverliebtheit zu beweisen und damit könnt ihr zum Beispiel an besonders spannenden Stellen eure Leser extra noch ein Weilchen auf die Folter spannen, etwa, wenn eure zwei Hauptcharaktere sich gerade gegenseitig Pistolen an die Köpfe halten und ihr ewig darauf herumreitet, was gerade in ihren Köpfen vorgeht…

Mit so einem Bild kann man übrigens auch auf ganz billige Weise die Spannung noch ein wenig hinauszögern.

Eng damit hängt übrigens ein weiterer Faktor zusammen. Was der Leser mit euren nicht näher definierten Elementen anstellt, hängt immer von der bisherigen Meinung des Lesers von eurem Werk ab. Wenn ihr also bisher nur awesome shit geschrieben habt, wird der Leser die Leerstellen wahrscheinlicher mit eigenem awesome shit ausfüllen., soweit es in seiner Macht steht, versteht sich. Gerade deshalb lohnt es sich, einen besonders guten Start hinzulegen, da man sich dann leichter eine Weile auf seinen Lorbeeren ausruhen kann, während man bei Geschichten, die einen langsamen Start bedürfen, mit der Zeit immer ausführlicher werden sollte. Gleiches gilt übrigens für Erwartungen. So eine Ekphrasis während einer Pistolenszene hat auch keine Wirkung, wenn ihr euren Leser nicht vorher überzeugt habt, dass diese Szene böse enden könnte.

Ebenfalls in Verbindung mit diesem Begriff zu erwähnen wäre das Problem der inneren Wertung (und ich meine, das hätte ich schon mal auf meinem Blog erwähnt, aber ich kann den Artikel einfach nicht finden…). Jedes Mal, wenn ihr dem Leser eine Leerstelle bietet, dann erzeugt der Leser eigenständig ein Bild und damit einhergehend Erwartungen. Ihr steht damit unter dem Druck, dass jede darauf folgende Darstellung dem Bild des Lesers gerecht wird oder es sogar übertreffen muss. Wenn ihr etwa ein Bild als „wahre Kunst“ aufbauscht, dann muss eine spätere Darstellung dieses Bildes auch wirklich was Besonderes sein, sonst denken eure Leser: „Aha, und das soll jetzt Kunst sein?“ Im Zweifelsfall sollte man vielleicht das Kopfkino des Lesers einfach Kopfkino sein lassen.

Auch die Fantasie und Lebenseinstellung des Lesers spielen eine Rolle. Sehr fantasievolle und inspirierte Leser, die selbst liebend gern Geschichten schreiben würden, kommen mit Vagheiten eher klar und werden sich womöglich sogar darüber freuen, dass ihnen nicht alles vorgekaut wird. Pragmatische Kritiker hingegen würden sie wohl eher als Manko ansehen. Hier gilt es, ein wenig Geschick beim Erkennen seiner Zielgruppe zu beweisen.

Damit hoffe ich, dieses Konzept ganz verständlich umrissen zu haben. Solltet ihr Probleme haben, euch anhand meiner Darstellung Vorstellungen davon zu machen, gehe ich für euch auch noch gerne mehr ins Detail. Und für alle, die das Thema besonders interessiert: Hier ein  Artikel zu einem ganz ähnlichen Thema.

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