Schrödingers Katze und der Fokus -5-

I rarely had a picture this fitting.

Endlich ist es da, das große Finale zu meiner Reihe, deren Name ich vielleicht nochmal überarbeiten muss, weil „Der Mensch und die Welt – erklärt“ sich richtig blöd in der Seitenspalte macht. Ich habe schon etwas konkretere Pläne und ich kann schon mal so viel sagen, dass sich Mondsternlein vielleicht ein wenig verändern wird – natürlich nur zum besseren, wie ich hoffe. Nachdem das getan ist und die letzten Achievements für meine Leser fruchtbar gemacht sind, dürften auch die Reparaturen an den AAR-Geräten abgeschlossen sein und wir können sie wieder in Betrieb nehmen. Normalerweise schreibe ich keine Updates mehr direkt in meine Artikel und überlasse sowas lieber meinem Praktikanten Kurt, aber da die Reihe zuende ist und sich Leser vielleicht fragen wie es weitergeht, mache ich mal eine Ausnahme.

Das Thema dieses Artikels überschneidet sich ein wenig mit Teil 4. Wieder geht es darum, wie wir uns verhalten, wenn wir Dinge nicht wahrnehmen, allerdings diesmal unter einem anderen (und vermutlich einleuchtenderen) Gesichtspunkt. Man könnte es somit als eine Alternative zu Teil 4 ansehen, oder aber als eine Ergänzung.

Die Welt ist unheimlich groß, und Menschen sind sterblich. Es ist wahrscheinlich unmöglich, sich das Wissen der gesamten Welt anzueignen, und wenn doch, dann macht eine solche Person wahrscheinlich ihr ganzes Leben lang nichts anderes. Schon alleine, wenn ich alle Bücher in unserer kleinen Stadtbibliothek lesen wöllte, würde ich ewig brauchen. Aber sowas ist kein Leben, zumindest nicht für die meisten Menschen, Menschen wollen auch mal Freizeit haben und aus ihrem Leben was machen können, also geben sie sich mit dem, was sie haben, zufrieden, auch wenn sie dadurch einen Großteil der Welt nicht verstehen.

Aber da gibt es noch etwas. Es gibt eine Grenze, wie viele Informationen ein Mensch in einer bestimmten Zeit aufnehmen kann. Unsere Augen funktionieren zum Beispiel so, eigentlich sehen wir immer nur einen kleinen Punkt in der Mitte unseres Sichtfelds richtig scharf und der Rest wird einfach von unserem Hirn ergänzt. Eigentlich trifft das auf unsere gesamte Wahrnehmung zu, konzentrieren wir uns aufs Gehör, hören wir Dinge, die uns sonst entgehen und auch wenn wir die ganze Zeit in Kontakt mit dem Fußboden, unseren Klamotten oder anderen Dingen sind, fühlen wir diesen nicht die ganze Zeit an uns. Würden alle diese Reize gleichzeitig auf uns einströmen, würde das unser Hirn überfordern.

Man könnte es so darstellen: Mir steht eine begrenzte Anzahl an Skillpoints zur Verfügung und ich kann diese frei auf alle Statuswerte verteilen. Ich kann alle Punkte in Strength stecken, aber dann bleibt nichts für die anderen Werte übrig, und wenn ich versuche alles gleich stark zu skillen, kann ich am Ende gar nichts richtig. Also skille ich die Werte, die für mich wichtig sind und nehme in Kauf, dass ich in manchen Punkten fehlerhaft bin. Ich denke jegliche Form von Informationsbeschaffung funktioniert auf diese Weise. Wir können, wenn wir es wollen, jeder Sache auf den Grund gehen, um sie zu verstehen, aber nicht jede Sache ist für uns gleich wichtig und manche Dinge sind komplizierter und kosten uns somit mehr Einsatz und Zeit. Diese Variablen entscheiden, ob wir Schrödingers Kiste öffnen oder nicht. Weil es darum geht, ob wir uns mit etwas beschäftigen oder nicht, bezeichne ich dies als Fokus.

Lassen wir die Kiste aber fürs erste geschlossen. Was bedeutet dies für uns? Wir machen dann das, was unser Gehirn bei der Sicht für uns macht: Wir füllen die Leerstellen aufgrund von Annahmen. Wir stellen uns jetzt mal vor, wir haben eine Geschichte gesehen oder gelesen, ich gebe ihr jetzt mal absichtlich keinen Namen, und haben das Gefühl, sie war gut, können aber nicht sagen, warum das so ist. Wir können uns jetzt hinsetzen und stundenlang überlegen, die Geschichte wieder und wieder in uns aufnehmen und irgendwann tatsächlich sagen, ob und warum sie in der Tat gut ist, aber Geschichten, vor allem gute Geschichten, können ganz schön komplex sein.

Also trauen wir einfach unserem Gefühl, gehen damit zu unseren Freunden und reden darüber, weil wir reden ja gerne über Dinge, die wir mögen. Nun hatten unsere Freunde genau dasselbe Gefühl, und obwohl keiner von uns erklären kann, was an der Geschichte so toll sein soll, wird dies für uns zum Fakt. Finden wir genug Leute, die das gleiche Gefühl hatten, können wir damit sogar einen Hype starten. Nun stellen wir uns aber mal das Gegenteil vor: Einer unserer Freunde hatte ein ganz anderes Gefühl und findet dieselbe Geschichte schlecht. Es gibt verschiedene Situationen, die nun passieren können.

Für die erste greife ich mir etwas aus Teil 4. Dort schrieb ich von einer „Kraft zur angenommenen Origo hin“. Indem wir einfach so daherkommen und sagen, die Geschichte finden wir gut, wird dies zum Teil der angenommenen Origo der anderen. Dadurch entsteht in den anderen eine Kraft, die diese dahin drückt. Einfach ausgedrückt: Es ist einfacher zuzustimmen, als sich zu widersetzen. Unser Freund mag die Geschichte also nicht, spricht dies aber nicht aus. Ich versuche diese Situation immer zu umgehen, wenn ich eine ehrliche Meinung hören will, frage also extra so, dass der andere meine Origo nicht erschließen kann (stelle demnach keine „Suggestivfrage“).

Diese Kraft existiert auch nicht ohne Grund, denn wenn unser Freund seine Meinung äußert, besteht die Gefahr, dass wir gezwungen sind, Schrödingers Kiste zu öffnen. Wenn wir auf Widerstände stoßen, entsteht eine Kraft diesen Widerstand zu beseitigen, und diese kann dazu führen, dass wir entgegen unserer ursprünglichen Entscheidung die Kiste doch öffnen. Gerade wenn unser Freund das verhindern will, geht er diesen Weg nicht – denn wenn die Kiste einmal offen ist, dann ist die Katze entweder tot oder lebendig, und wer falsch lag, muss (eigentlich) eingestehen, dass er einen Fehler gemacht hat.

Es gibt aber noch einen Ausweg. Eventuell reicht die Kraft, aus ungewollten Zuständen wegzukommen, nicht aus um die Kiste zu öffnen. Weil es für uns einfach tierisch unangenehm wäre, stundenlang zu diskutieren, wer denn nun Recht hat – richtige Diskussionen sind nämlich alles andere als einfach – einigen wir uns einfach drauf, dass es doch alles subjektiv ist und jeder mögen kann, was er will. Ich sehe dem mit etwas mit gemischten Gefühlen entgegen, da meiner Meinung nach Subjektivität so nicht funktioniert, aber das ist dann schon wieder ein anderes Thema.

Lassen wir aber mal die Katze aus dem Sack. Sicher ist einigen schon untergekommen, dass jemand selbst, als er sich mit dem Fakten konfrontiert sieht, sich seinen Fehler nicht eingestehen will (und es leider Wege und Möglichkeiten gibt, wie er damit auch durchkommt). Aber wenn die Katze tot ist, ist sie tot, und nur weil man die Katze lebendig lieber gemocht hat, macht sie das nicht wieder lebendig. Die einzige Frage ist eigentlich nur, ob man eine Kiste mit einem so komplexen Schloss, wie eine Geschichte sie hat, überhaupt öffnen kann. Ich bin mir ehrlich gesagt nicht so sicher. An manchen Werken finden Literaturwissenschaftler auch nach Jahrzehnten noch neue Facetten.

Gerade darum sind Anime und Videospiele jedoch in dieser Hinsicht interessant. Gerade weil sie meist simpler gestrickt sind als die meisten Geschichten, macht das den Anspruch, sie bis ins letzte Detail ergründet zu haben, überhaupt erst realistisch. Das ist übrigens auch etwas, was ich mir vor einer verschlossenen Kiste überlegt habe, aber wenn ich diese Kiste öffnen wöllte, bräuchte ich wahrscheinlich mehr Skillpoints, als ich bereit bin zu geben. Ich will schließlich auch noch was von meinem Leben haben.

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Ein Kommentar zu “Schrödingers Katze und der Fokus -5-

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