Der Mythos Objektivität -2-

Wenn selbst Danbooru kein passendes Startbild hergibt

Der zweite Teil meiner Reihe Der Mensch und die Welt – erklärt. Dieses Mal versuche ich euch klar zu machen, dass Objektivität in Wahrheit eine Lüge ist. Dieser Standpunkt wird die Objektivisten unter euch vermutlich zunächst irritieren, aber ich versichere euch: Noch bevor ihr diesen Artikel zu Ende gelesen habt, werdet ihr mir glauben und mit mir einer Meinung sein.

Ich erinnere mich noch an die absurden Beispiele aus der Schule: Ich sehe einen Baum, aber woher weiß ich, dass dieser Baum wirklich existiert? Oder: Woher weiß ich, dass ich nicht nur ein Hirngespinst bin? Absurd sind diese Beispiele für mich deswegen, weil sie zwar auf einen vollkommen richtigen Zusammenhang schließen lassen, aber so weit weg von der Alltagslogik sind, dass man bei solchen Sprüchen eigentlich nur die Augenbrauen heben, den Kopf schütteln oder sogar die Psychiatrische Abteilung des hiesigen Krankenhauses informieren kann, wenn man nicht gerade gut gelaunt ist.

In diesen Beispielen wird nämlich ein wichtiger Teil unterschlagen, nämlich – und das wird euch jetzt mächtig überraschen – dass der Mensch tatsächlich doch irgendwann mal herausgefunden hat, dass so Dinge wie Bäume wahrscheinlich doch wirklich existieren. Die Tatsache ist, dass uns unsere Augen doch in den meisten Fällen nicht heimtückisch täuschen wollen und unsere Sicht somit (relativ) objektiv ist – anders sieht es aus beim Gehör („Hörst du das auch?“„Ich höre nichts…“) und dem Geschmackssinn („Igitt!“„Also mir schmeckt’s.“), denen der Mensch schon die Absolute Subjektivität, die ich hier postulieren will, anerkennt – Geschmäcker sind eben verschieden.

Für dieses Bild musste ich allen Ernstes 'Baum' danbooreln.

Aber bleiben wir mal bei einem visuellen Beispiel, das uns nicht so weit hergeholt vorkommt: Stellt euch vor, ihr habt einen Unfall und seid ab sofort vollständig Farbenblind (wir nehmen einfach mal an, das wäre keine Erbkrankheit). Auf einmal erscheint euch die Welt in Graustufen, aber das heißt natürlich nicht, dass die Farben auf einmal (objektiv) weg sind. Alle anderen werden euch immer noch bezeugen können, dass Rosen rot und Veilchen blau sind. Auch unser Schein kann uns trügen.

Gehen wir weg von Bäumen und vom Sehen und von Dingen, die für uns als selbstverständlich gelten. Fangen wir mit dem Teil an, für den die Frage nach Objektivität überhaupt relevant ist: Argumentieren. Literatur und Kunst. Wir sehen ja nicht ausschließlich so einfache Dinge wie Bäume, wir lesen auch mal ein Buch, betrachten ein Gemälde oder Schauen einen Film oder eine Serie. Wir benutzen immer noch unsere Augen, aber hier gibt es deutlich mehr Fehler, die uns als Mensch unterlaufen können. Gründe, warum das, was wir sehen und gesehen haben, nicht als absolut objektiv gelten kann. Gründe wie:

1. Wir haben nicht hingeschaut / uns verlesen / etwas übersehen.
2. Wir haben uns nicht richtig konzentriert / auseinandergesetzt.
3. Wir haben etwas nicht verstanden / uminterpretiert.
4. Wir erinnern uns nicht richtig / wir haben etwas vergessen.
5. Wir haben das, was wir wahrgenommen haben, nicht richtig ausgedrückt.

Schon allein weil wir blinzeln – wenn man Haare spalten will – entgeht uns zwangsläufig etwas. Wir werden das Werk (oder die Welt allgemein) somit niemals vollkommen so wahrnehmen können, wie es tatsächlich ist. Es gibt natürlich da draußen eine tatsächliche, objektive Welt, aber wir nehmen diese Welt nicht wahr, sondern nur einen Teil von ihr. Unsere Wahrnehmung ist subjektiv. Und das eigentlich immer. Aber wie kommt es dann, dass wir trotzdem meinen, dass so etwas wie Objektivität existiere und für uns fassbar wäre?

Das ist der Schritt, den der Mensch im Laufe der Zeit getan hat: Er hat sich eine eigene (d.h. im Prinzip immer noch subjektive), konventionalisierte Objektivität geschaffen. Wie kann man ganz einfach feststellen, ob uns einer der Fehler 1-5 unterlaufen ist? Man fragt ganz viele andere Menschen, wie sie das Objekt X wahrgenommen haben. Nun sehen alle Befragten das Objekt genauso; sie müssten also allesamt auch eigene (nicht unbedingt denselben) Fehler gemacht haben und dabei rein zufällig auf dasselbe Ergebnis gekommen sein wie wir – und das erscheint uns eher unwahrscheinlich. Versteht das nicht falsch, diese Überprüfung gibt uns immer noch keine vollkommene Sicherheit, aber bei solcher Sachlage ist der Schluss zumindest vernünftig.

Ich habe dieses Bild gewählt, weil ich da wunderbar sagen kann: Ich bin die in der Mitte.

Nun zu dem praktischen Teil: Wenden wir dies mal auf die hohe Kunst der Argumentation an. Es ist einfach zu denken, Argumente seien immer objektiv, aber das ist natürlich Unsinn. Wären Argumente immer objektiv, also zwangsläufig richtig, würde das doch die Argumentation selbst sinnlos machen, denn niemand könnte etwas dagegen sagen. Aber Argumentationen sind Streitgespräche, jemand zweifelt also die Richtigkeit eurer Ansicht an. In dem Moment wird der Objektivitätsgehalt eurer Ansicht in Frage gestellt.

Das heißt dann natürlich, dass „Meine Meinung ist objektiv und deine subjektiv“ kein Argument ist. Eigentlich ist das gar nichts…allenfalls egozentrisch. Natürlich seid ihr der Meinung, dass ihr im Recht seid und dass eure Ansicht richtig – also objektiv – sein muss. Aber Überraschung: euer Gegenüber denkt dasselbe von sich. Ich würde das ja in Form von Wahrscheinlichkeiten sehen: Jeder Streitpartner sieht zu Beginn seine eigene Ansicht wahrscheinlicher als die der Anderen. Im Laufe des Gesprächs versucht jeder, mit Argumenten das Wahrscheinlichkeitsbild des Anderen zum eigenen Gunsten zu verschieben, bevor der andere das tut – quasi wie zwei Recken, die sich gegenseitig ihre Lebenspunkte zuschanden hauen.

Wenn man dann Begriffe wie „objektiv“ einbringt, macht man eigentlich nichts als zu sagen, dass man noch Lebenspunkte übrig hat – herzlichen Glückwunsch, sonst wärt ihr gar nicht mehr hier. Das ist nur eure Ansicht von der Argumentationslage – und die ist nunmal subjektiv. Und ihr könnt im Vornherein erwarten, dass kein Streitpartner diese Meinung mit euch teilen wird oder sich gar erst davon überzeugen lässt. Ihr sagt eurem Gegner damit sogar, dass er euch mit anderen Attacken (=Argumenten) besser schaden kann. Und das macht sie in der Diskussion zu nutzlosen, wenn nicht sogar schädlichen Ballast.

3 Kommentare zu “Der Mythos Objektivität -2-

  1. shinobakura sagt:

    Lese ich hier gerade raus, dass die Meinung vieler objektiver als die Meinung des einzelnen ist? Heißt also ich muss demnächst gegen die Masse an Fanboys aufgeben, weil sie zusammen objekiver sind als ich?

    • StarlinM00N sagt:

      Nicht ganz. Eine Meinung, die von vielen vertreten wird, hat eine größere Wahrscheinlichkeit, objektiv zu sein, als die Meinung eines einzelnen. Es besteht natürlich die Möglichkeit, dass die Breite Masse tatsächlich allesamt Fehler gemacht hat.

      Ob du nun gegen die Breite Masse aufgeben musst, ist aber eine andere Frage. Es ist schließlich so, dass ein solcher Kollektivirrtum nach wie vor unwahrscheinlich wirkt und viele Menschen urteilen daher – vernünftigerweise! – nach dem Masseprinzip.
      Du musst dann also triftige Gründe liefern, warum deine Meinung die Meinung so vieler Menschen aufwiegen können sollte. Aus meiner Sicht klappt das am besten, wenn man Belege liefert, dass man sich ausführlich mit dem Thema beschäftigt hat. Dadurch scheint es unwahrscheinlicher, dass einem die Fehler 1-5 unterlaufen sein könnten. Erwartungsgemäß hat sich die Breite Masse nämlich nur wenig damit auseinandergesetzt, sollte dies dadurch erkennen und dir dein Recht somit anerkennen.
      Kontraproduktiv ist es natürlich, wenn man mal eben so nebenbei etwas hinklatscht und dann behauptet, man wäre so viel besser – dann braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn man so etwas wie „basher“ zurückbekommt, auch wenn man ein paar Argumente hatte.

      Leider gibt es aber auch wenn man alles richtig macht ein Problem: die Wahrheit erkennen und sie auch zuzugeben sind verschiedene Dinge. Und als Mitglied der Masse hat man gegen den Einzelnen ein geradezu unfaires Mittel in der Hand. Dazu gibt es mehr in Teil 4.

  2. […] darin sind wir uns glaube ich alle einig. Warum das so ist, liegt an den fünf Fehlern, die ich an anderer Stelle erklärt habe, der Kürze halber sage ich, dass wir uns nicht ausreichend damit beschäftigt haben. […]

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