Hamlet und der Sturm

Mahiro makes sense...this time for real!

Zu Beginn stand ich der Serie noch ausgesprochen kritisch gegenüber. Inzwischen hat sich das jedoch geändert und ich halte Zetsuen no Tempest – the civilisation blaster für eine der besten Serien, die ich aktuell mitverfolgt habe. Es ist schon erstaunlich, was alles innerhalb von einem halben Jahr alles ändern kann. Oder ist dies nur ein Beweis, dass der aus Serien gewonnene Ersteindruck nur aus Vorurteilen und Fehlspekulationen zusammengesetzt ist?

Da Tempest – so möchte ich die Serie im Folgenden abkürzen – inzwischen schon eine kleine Weile her ist, sollte ich vermutlich zunächst einmal den Inhalt umreißen. Ich muss aber zugeben, dass mir dies bei Tempest ausgesprochen schwer fällt. Tempest spult nicht einfach irgendwelche klischeehaften Storywendungen ab, sondern bringt einen originellen Plot mit  Twists, die so gravierend sind, dass sie das gesamte Setting eigentlich geradezu umstürzen, weshalb ich sie auf der einen Seite in einer Zusammenfassung unbedingt nennen müsste – auf der anderen Seite handelt es sich dabei aber auch um gewaltige Spoiler.

Beste Imouto ever.

Aber wenn ich nicht mit der Story anfange, womit beginne ich dann? Nun, sagen wir es mal so: Mit Shakespeare. Tempest referiert an zahlreichen Stellen auf zwei von Shakespeares Werken, namentlich Hamlet und Der Sturm (Englisch: The Tempest; ich benutze die Deutsche Bezeichnung, sodass keine Verwechslungen auftreten). Auf den ersten Blick wirkt eine solche Referenz unsinnig, ja geradezu prätentiös, sich in einem „Kindermedium“ wie Anime auf einen der berühmtesten Schriftsteller aller Zeiten zu berufen und dann auch noch auf das Werk, das als eine seiner wichtigsten Schöpfungen gilt. Aber halt, wir haben schon einmal vorschnell geurteilt.

Ich vermute mal, kaum jemand der Zielgruppe des Anime (und Leser dieses Artikels) dürfte Hamlet gelesen haben. Das ist um ehrlich zu sein Schade, ist Hamlet doch das einzige Werk, dass ich in meiner damaligen Schullektüre nicht nur lesen musste, sondern sogar richtig froh war, lesen zu dürfen. Eine Geschichte von Verrat, Mord, Inzucht und Rache, wie sie Danny DeVito in dem ziemlich schlecht empfangenen Film „Mr. Bill“ bezeichnet, dürfte eigentlich in den Interessenbereich von vielen jungen Menschen fallen – in besagtem Film gelingt es DeVito sogar erst mit diesem Buch, die schwierigen Schüler in der Militärkaserne für Literatur zu begeistern.

Ich habe einmal Hamlet, Der Sturm und Tempest auf Parallelen untersucht und kam dabei zu erstaunlichen Ergebnissen:

Tempest character roster

Bei den in der Grafik dargestellten Beziehungen handelt es sich um die Beziehungen in den jeweiligen Referenzwerken. Dabei fällt auf, dass dieselben Charakterkonstellationen auch in Tempest vorhanden sind. Ich bin mir der Hamlet-Seite dabei ausgesprochen sicher, bei Der Sturm könnten mit allerdings ein paar Fehler aufgetreten sein, da ich hier eingestehen muss, dass mir das Werk selbst nicht vertraut ist. Ich habe aber das Gefühl, dass dies halbwegs vom Autor von Tempest intendiert sein muss, was ich etwas näher erläutern möchte:

Die Referenzen in Tempest sind nämlich nicht einfach nur da, nein, sie sind sogar funktional.  Der geneigte Leser kann aus diesen Referenzen bereits einiges erschließen – da wäre zum Einen das Rachemotiv, das Fortinbras auf den Mörder seiner Schwester schwört und diese sich letztlich in einen Kampf mit Hamlet äußert. Es gibt von Anfang an ein Konfliktpotenzial zwischen den beiden im Anime als die dicksten Kumpels auftretenden Protagonisten, da Yoshino eine Liebesbeziehung mit Mahiros Schwester führte – was dieser jedoch nicht weiß. Ein Konflikt, der später im Anime auch thematisiert werden soll.

Nana, man zeigt nicht mit nackten Maschinengewehrläufen auf angezogene Leute

Eine zweite Vorausdeutung ergibt sich aus Hamlets Ende: In seiner Form als Tragödie endet Hamlet im Tod aller Protagonisten. Dies erhöht zweifelsohne die Spannung, da stets eine Hiobsbotschaft über den Helden steht. Mit dieser Botschaft geht Tempest ausgesprochen innovativ um, führt es doch Der Sturm als die Alternative ein, eine Geschichte, die ebenfalls von Verrat und Rache handelt, aber ein glückliches Ende bietet. Zwischen diesen beiden Polen steht Yoshino, der als einziger in beiden Werken personifiziert ist und der deshalb als Einziger die Möglichkeit besitzt, die Geschichte in die eine oder die andere Richtung zu lenken – eben, indem er entweder als Hamlet oder als Ferdinand auftritt.

In der ersten Hälfte von Tempest gibt es eine starke Tendenz zu Hamlet, mehr noch, die Alternative zu Der Sturm soll noch gar nicht sichtbar sein. Alles deutet auf das fatale Ende dahin, bis plötzlich kurz vor dem Eintreten der Katastrophe, das retardierende Moment, die Alternative wie durch Magie aus dem Hut gezaubert wird: Der Sturm! Das ist dann der Moment, in dem man sich als geneigter Leser noch einmal den Titel anschaut und sich die Hände vor den Kopf klatscht und ruft: „Mensch, das hätte ich doch von Anfang an sehen können!“

Ja, so ungefähr lkönnte ich ausgesehen haben.

Es gibt noch zahlreiche weitere Parallelen, die ich nur zu gerne alle aufzählen würde. Da gäbe es das Spiel im Spiel, dass ich in dem im Kontext geradezu lächerlich anmutenden Kampf zwischen Exodus und der Tanzenden Prinzessin verwirklicht sehe, dessen Ziel es doch ist, einen noch unsichtbaren Feind aus der Reserve zu locken; die wahre Identität eben dieses Magiers von Exodus, die man wunderbar bereits vorausahnen, aber eben noch nicht eindeutig verifizieren kann; und gleichfalls die Identität des Mörders von Aika. Ein Buch könnte man mit Interpretationen dieses Werkes füllen, doch ich fürchte, ich würde meine Leser damit nur langweilen.

Ich möchte nämlich noch ein paar andere Facetten von Tempest beleuchten. Es ist nämlich definitiv nicht der Fall, dass das Referenzwissen für Tempest vorausgesetzt wird. Selbstständig zeigt sich Tempest als ein sehr nervenaufreibend spannender Anime mit zahlreichen geschickten und überraschenden Wendungen, aber eben auch zähen Abschnitten. Wer nicht die Geduld für die langen und zahlreichen Dialoge aufbieten kann, der wird sich bei Tempest schnell langweilen, denn Actionszenen bietet Tempest relativ wenige, die dafür an den Kernstellen ziemlich gut animiert sind. Nehmt diese Warnung ernst, denn im zweiten Viertel stehen die Charaktere die ganze Zeit wirklich nur an einer Stelle und beraten sich vier oder sogar fünf Folgen lang, was als nächstes zu tun ist.

Zur Abwechslung mal ein Bild von Yoshino.

Die Sache ist aber Folgende: Es handelt sich bei den Dialogen nicht einfach nur um leere Worthüllen, wie sie leider in diesem Medium recht oft zu finden sind, sondern die Dialoge sind richtig gut geschrieben und spannend zu verfolgen. Während dieser vier oder fünf Folgen hängt die ganze Zeit die Rettung oder Zerstörung der gesamten Welt an einer einzigen Entscheidung und das Blatt wird in dieser Zeit mehrmals um 180° herumgedreht. Die Charaktere wenden Argumentation, Täuschung, Bluffs und Intrigen an, um Mahiro, an dem das Leben von Millionen Menschen hängt, auf ihre Seite zu kriegen.

Wie ich schon sagte, spult Tempest auch nicht einfach klischeehafte Vorgänge ab, und dies ist auch bei den Dialogen der Fall. Die Charaktere reagieren auf ihr Umfeld sogar geradezu originell, was insbesondere bei den späteren Szenen, in denen die Charaktere viel besser eingesetzt werden, zum Tragen kommt. Als Hakaze zum Beispiel erfährt, dass sie verliebt ist, zeigt sie sogar noch den Scharfsinn, daraus zu schließen, dass dies auf ihren Geliebten fatale Folgen haben könnte, und sie konfrontiert ihn sogar direkt mit der Forderung, dass er ihr einen Korb gibt (näher kann ich das wegen Spoilergefahr leider nicht beschreiben).

Man findet in Tempest auch hin und wieder Stilmittel, die eine nette Wirkung auf den Gesamteindruck haben. So gibt es zum Beispiel eine Szene, in denen Mahiro und Hakaze beinahe zeitgleich erfahren, dass sie verliebt sind und man ihre Reaktionen miteinander abgleichen kann. Was die Charaktere anbelangt, gibt es übrigens große Diskrepanzen. Während die Hauptcharaktere eine sehr ordentliche Charakterisierung erfahren, sind die Randcharaktere hingegen äußerst zweckmäßig. Ich war jedoch sehr überrascht, wie Tempest aus Aika, einem Charakter, der bereits zu Beginn der Serie tot ist, mehr machen kann als andere Anime aus ihrem gesamten Cast. 

Also noch deutlicher hätten sie es nicht hinausschreien können.

Ich will aber nicht leugnen, dass Tempest auch so seine Schwächen hat. Zum einen wäre die enorme Dialoglastigkeit, die für einige ein Kritikpunkt sein könnte. Außerdem geht Tempest sehr aggressiv mit seinen Referenzen um und es hat eine Neigung, hin und wieder das Geschehen zu erklären, als ob die Zuschauer es nicht selbst verstehen könnten. Es gibt auch inszenierungstechnisch ein paar kleine grobe Schnitzer, wie etwa der Despair-Hintergrund bei Samons Monologen (siehe Bild oben). Comedy ist außerdem nicht wirklich Tempests stärke und die vereinzelten Witze wirken im ansonsten ernsten Setting deplatziert. Die Liebesbeziehung wirkt auch ein wenig aufgesetzt. Davon abgesehen ist Tempest aber ein erstaunlich spannendes, gut geschriebenes und originelles Werk.

Handlung: 5/5
Charaktere: 4/5
Action: 2/5
Comedy: 2/5
Romance: 3/5
Nervenkitzel: 4/5
Atmosphäre: 3/5
Stil: 4/5

Mahiro ist mit Maschinengewehr einfach zum Knuddeln.

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7 Kommentare zu “Hamlet und der Sturm

  1. Baphomet sagt:

    Ich habe 3 Episoden Bartender fast buchstäblich am Stück verfolgen können und habe gegen mehr nichts einzuwenden, aber nicht 2×2 Episoden Tempest. Was lief falsch?

    • StarlinM00N sagt:

      Auf deiner Festplatte war nicht genug Platz für mehr als zwei Folgen.

      • Baphomet sagt:

        Platzmangel ist nie ein Problem.

        • StarlinM00N sagt:

          Jetzt aber mal ehrlich, ich hab die Frage eigentlich schon mit meinem letzten Artikel beantwortet. Du willst mich ja nur mit dieser…Serie…ärgern.

          Was bist du nur für ein Teufel, dass du keine Skrupel hast, unschuldige kleine Mädchen wie mich zu mobben! ;_;

        • Baphomet sagt:

          „Du willst mich ja nur mit dieser…Serie…ärgern.“
          Nur zum Teil, das ist ja der Witz.
          Und natürlich ist die Antwort, dass ich für Tempest weniger Motivation aufbringen konnte, aber das liegt viel mehr am Inhalt als an anderen Umständen – so habe ich es zumindest wahrgenommen. Das aktuellste Gegenbeispiel ist da „diese…Serie…“.

  2. StarlinM00N sagt:

    „aber das liegt viel mehr am Inhalt als an anderen Umständen“
    Nein nein, das liegt viel mehr an dir, und an mir ebenso. Wenn das einzig an objektiv festzustellenden Kriterien festzumachen wäre, müssten wir beide zwangsläufig die Serie genau gleich auffassen. Jetzt könnte ich wieder mit Psychologie kommen…Ursachenzuschreibung nach Distinktheit und Konsensusinformationen.
    Das war eigentlich der Punkt, auf den der letzte Artikel ein wenig angespielt hat: Wie wir eine Serie letztlich auffassen, liegt weniger an ihr selbst, sondern an uns. Wir beurteilen sie (wie den Rest der Welt) anhand unserer Erfahrungen und Erlebnisse. Wir können versuchen, dies auszuklammern und „objektiv“ zu werden, aber da wir kaum einfach Dinge vergessen können, gelingt uns das nie vollkommen.
    Und wenn nun eines deiner Erlebnisse ist, dass ich mich vorher übermäßig über Bartender aufgeregt habe, dann beeinflusst dich auch das in deiner Beurteilung. Ich habe damit deine Wahrnehmung für bestimmte Aspekte und Merkmale aktiviert und du schaust die Serie gleich ganz anders, als du sie ohne dieses Erlebnis geschaut hättest.
    Und es ist nunmal der Reflex des intelligenten Menschen, sich kritisch mit den Meinungen anderen Menschen auseinanderzusetzen oder des Streitlustigen, um sich einfach widersetzen zu können oder des Hinterhältigen, dass man Argumente für die Gegenseite sucht, um denjenigen aufziehen zu können und was es nicht alles noch für relevante Mechanismen geben könnte, die jemand mal genauer untersuchen müsste.

    Demzufolge würde ich deine eingehende Frage ja folgendermaßen beantworten: Weder Tempest noch Bartender hatten auf deine Sicht einen sonderlichen Einfluss, sondern ich habe auf heimtückische Art und Weise deine Wahrnehmung manipuliert, dass du nur dadurch, dass du meine Meinung bezüglich beider Serien bereits im Vornherein kanntest, ihnen gleich ungemein kritischer/wohlwollender gegenüber standest.

    Das ist jetzt ziemlich kurzgefasst und hat Prinzipien aus drei Artikeln, die ich noch schreiben wollte, zugrunde gelegt, aber ich halte es eigentlich trotzdem intuitiv verständlich.

  3. […] länger mitgelesen sicher wissen, mir damals richtig gut gefallen hat. So sehr, dass ich einen Artikel über den artistischen Wert der Serie geschrieben habe und wenn ich mir das so überlege, habe ich das seitdem nie wieder getan! Was […]

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