Uneigentliche und unnatürliche Elemente

Natürli-chan und Eigentli-chan

In diesem dritten Teil des Author’s Anniversary auf Mondsternlein gehen wir ein bisschen tiefer in die Theorie hinter dem Schreiben von Geschichten. Heute stehen zwei verwandte Phänomene im Vordergrund: Das eine manifestiert sich in der Welt einer Geschichte, in dem anderen seid ihr selbst der Übeltäter.
(Bemerkung: Es handelt sich hierbei nicht um weitere Elemente wie im letzten Artikel beschrieben, sondern um eine genauere Beschreibung dieser. Es kann also uneigentliche Handlungselemente geben, unnatürliche Spannungselemente usw.)

Zunächst ist es für diese Betrachtung von Bedeutung, eure Geschichte als etwas Externes zu sehen. In der Regel werdet ihr versuchen wollen, für eure Geschichte eine existenzfähige Welt aufzubauen. Diese Welt kann auf unserer beruhen, dann ist es einfach, da sie bereits Gesetzen und Konventionen unterworfen ist und ihr nicht selbst daran arbeiten müsst. Aber ihr könnt euch auch selbst eine Welt aufbauen und ihr selbst Regeln verpassen, nach der sie funktioniert (das ist dann innere Logik, ich glaube das ist schon verständlich).

Nachdem ihr dann ein bestimmtes Maß an Worldbuilding betrieben habt, so müsste diese Welt, insofern sie funktional ist, eigentlich auch ohne euer Zutun existieren können. Sie müsste durch sich selbst laufen können. So ist wie unsere Realität. Natürlich müsst ihr schreiben, damit sie weiterlaufen kann, aber es gibt dann einen natürlichen Lauf, den euch die Welt vorgibt und den ihr einfach nachschreiben müsstet, ohne dass ihr euch groß überlegen müsst was als nächstes passiert. Dasselbe gilt für Charaktere. Nachdem ihr ihnen eine Persönlichkeit verpasst habt, können sie quasi für sich selbst Entscheidungen treffen, die ihr dann einfach nur noch absegnen müsst.

Die Sache ist aber, dass ihr für diese Welt schließlich Pläne habt. Ihr wollt sie als Schauplatz für eure Handlung verwenden. In dieser Aufstellung kann es vorkommen, dass eure Handlung (und damit ihr) etwas anderes will als die Welt, die ihr geschaffen habt. Im zweiten Teil haben wir erfahren, dass die Handlung allen anderen ihren Weg aufdrängt, und so ist es auch hier. Ein Element, das sich mit dem natürlichen Lauf einer Welt widerspricht, ist ein unnatürliches Element.

Unnatürliche Elemente

In einem solchen Fall hat man einige Möglichkeiten. Entweder ihr passt eure Welt an, dann müsst ihr aber aufpassen wie. Wenn ihr erst kurz bevor diese Regel von Relevanz ist, eine Regel einführt, werden euch die Leute nachsagen, eure Geschichte ist schlecht konstruiert. Davon abgesehen sollte die Regel auch in Kraft gewesen sein, bevor ihr sie herausstellt. Wenn ihr sie aber zu früh einführt, kann das andere Probleme mit sich bringen. Man kann zum anderen das Unnatürliche einfach unnatürlich lassen, es muss nicht zwingend jedes Element natürlich sein. Es hängt von der Schwere eines Widerspruchs ab, ob es sich den Aufwand lohnt, ihn zu beheben. Idealerweise ist eure Welt allerdings von Anfang an so aufgebaut, dass ihr natürlicher Lauf eure Handlung von sich aus stattfinden lässt.

Kommen wir nun zu den uneigentlichen Elementen, die sicher eher etwas Neues für euch sein sollten. Ebenso wie die Welt seid auch ihr individuell. Im Gegensatz zu ihr werdet ihr aber nicht von jemandem gelenkt, sondern ihr seid selbst derjenige, der etwas schafft. Natürlich beeinflusst eure Person auch die Dinge, die ihr erzeugt. Es gibt dafür eine Faustregel, die ich hier zugunsten der Verständlichkeit stark vereinfache: Elemente, die eurer Person entsprechen, fallen euch in der Entwicklung generell einfacher.

Das heißt im Klartext: Wenn ihr eine aufgeschlossene Persönlichkeit habt, so fällt euch das Kreieren von aufgeschlossenen Charakteren einfacher, da ihr selbst wisst, wie das ist. Ihr könnt einfacher über Erfahrungen schreiben, die ihr selbst erlebt habt, und beschreibt Orte besser, wenn ihr sie selbst schon einmal besucht habt. Wenn ihr also mit dem Schreiben gerade erst begonnen habt, tut ihr euch einen riesigen Gefallen, wenn ihr euch mit euch bekannten Dingen befasst. Alles, was nicht ein Teil eurer Erfahrungswelt ist, ist uneigentlich.

Das ist vor allem bei besonders ambitionierten Versuchen von Bedeutung. Wenn ihr einen Charakter erstellen wollt, der unbedingt das intelligenteste Wesen des Universums sein muss, dann stellt euch das vor Problemen. Ihr müsst dann diesen Charakter mit Wissen ausstatten, von dem ihr selbst keine Ahnung habt, und das ist – theoretisch und praktisch – unmöglich. Ihr könnt lediglich den Anschein erwecken, und wenn ihr diesen Weg wählt, wird alles, was dieser Charakter sagt und tut niemals natürlich sein, denn er kann unmöglich das sein, was er sein soll.

Uneigentliche Elemente

Gerade bei Charakteren bieten uneigentliche Elemente aber auch eine Menge Potenzial. Es handelt sich dabei um das Problem der Reziprozität des Wissens, das ich im letzten Teil bereits kurz angesprochen habe. Umso mehr Erfahrung ihr habt, wie etwas sein sollte, umso mehr verbiegt ihr eure Welt an diesen Idealen, anstatt sie einfach von selbst funktionieren zu lassen. Das macht eure Geschichten unnatürlicher. Die eben beschriebene Uneigentlichkeit ist aber eine Erscheinung, die euch in bestimmten Bereichen Kompetenzen wegnimmt und somit hilft, eure Geschichten natürlicher zu machen.

Ein einfaches Beispiel dazu: Ihr möchtet einen eher zurückhaltenden Charakter machen, obwohl ihr selbst ein kleiner Wildfang seid. Dies ist somit ein uneigentlicher Charakter für euch und wird demnach nicht exakt euren Vorstellungen nach ausfallen. Aber genau das ist ein positiver Effekt, es geht bei Charakteren eben nicht darum, möglichst klischeehaft einen Charakterzug umzusetzen, sondern eine individuelle Persönlichkeit zu schaffen. Und das funktioniert wunderbar, wenn ihr etwas von euch einbringt, was ihr gar nicht vorgehabt habt.

Das erzeugt dann auch ein ziemlich interessantes Phänomen, was Geschlechter betrifft. Da ihr (in der Regel) nur wisst, wie euer eigenes Geschlecht denkt, sind Charaktere des anderen Geschlechts für euch in jedem Fall in gewissem Maße uneigentlich. Da ihr als Mann oder Frau aber aus erster Hand wisst, was ihr am anderen Geschlecht attraktiv findet, nicht aber unbedingt, was an eurem Geschlecht so begehrenswert sein soll, bestimmen diese Gedanken eure Charaktere. Frauen schreiben also tatsächlich die besseren Männer und umgekehrt.

Das stimmt natürlich objektiv nicht. Praktisch ist es allerdings so, dass der Mensch ein natürliches Interesse am ihm fremden Geschlecht hat (um niemanden zu diskriminieren; es gibt auch Ausnahmen). Das bedeutet dann auch, dass sich Männer eher mit weiblichen Charakteren auseinandersetzen und umgekehrt. So werden Auffälligkeiten beim eigenen Geschlecht eher übersehen oder toleriert. Zumindest in dieser Ebene sind Kerle für die Frauen da und Weiber für die Männer. Was das Geschlecht angeht, ist die oben beschriebene Abhängigkeit also umgekehrt. Man erzeugt tatsächlich eher natürliche Charaktere vom eigenen Geschlecht, trotz Eigentlichkeit.

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2 Kommentare zu “Uneigentliche und unnatürliche Elemente

  1. […] Es handelt sich dabei um ein gutes Beispiel für unnatürliche Elemente, wer sich das also im letzten Artikel nicht so ganz vorstellen konnte, dem sollte es nach diesem Artikel um einiges leichter […]

  2. […] Dies geschieht, indem man das Klischee aufgreift, es selbst in einem realistischen Setting auf natürliche Weise ausspielt und damit zeigt, dass es in Wahrheit ganz anders oder einfach gar nicht funktionieren […]

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