Was soll das heißen, du kannst nicht?!

Die Widmung dieses Artikels erfolgt diesmal für das bedeutungsleerste – oder bedeutungsvollste, je nachdem wie man es sehen will – Phrase, die der Menschheit je über die Lippen gekommen ist:

„Ich kann das nicht.“

Denn wisst ihr, hinter diesem kleinen Satz steckt eigentlich in viel komplexerer Sachverhalt, als man dem ganzen zuschreiben will. Tatsächlich bin ich der Meinung, das Wort „können“ existiert nicht, und was ich damit meine, will ich euch im Folgenden erklären.

Was bedeutet „Ich kann das nicht“? Die bessere Frage ist wahrscheinlich eher, was der Sprecher uns damit sagen will. Es geht nicht um irgendeine denotative Bedeutung, die man im Duden nachlesen kann, es geht um einen praktischen, situativen Ansatz. Worauf will also jemand hinaus, der behauptet, etwas nicht zu können? Was denkt er dabei, welcher Wille steckt hinter dieser Aussage? Ich denke, in den meisten Fällen handelt es sich um folgende Überlegung:

„Das [dieser Sachverhalt, Handlung, etc.] ist unmöglich (für mich).“

Diese Behauptung ist aber eine glatte Lüge. Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Mensch erstmal grundsätzlich zu allem fähig ist. Und zwar wirklich jeder, also auch ihr. Man kann nicht etwas nicht können. Eine kühne, scheinbar unsinnige Theorie, dessen bin ich mir bewusst. Aber das ändert nichts daran, dass sie richtig ist, und ich werde euch auch gleich zeigen, was ich damit meine.

Am besten begründe ich meine These an einem Beispiel, bei dem ihr euch sicher seid, nicht dazu imstande zu sein. Ein allgemeines Beispiel wäre gut, etwas, das jeder durchlaufen muss oder bereits durchlaufen hat. Ein Beispiel aus der Schule vielleicht. Sicher sind viele von euch der Meinung, irgendwann mal irgendetwas in der Schule nicht gekonnt zu haben. Ein Fach, das euch nicht so gut lag, bei den meisten sicherlich Mathe. Ihr könnt also unmöglich in diesem Fach eine eins schreiben, nicht wahr?

Ihr könnt es doch. Oder sagen wir, ihr „könntet“ es doch. Ihr müsstet dabei nur einen gewissen Aufwand einberechnen. Dieser Aufwand variiert sicherlich von Person zu Person, wenn das Fach wirklich eure Nemesis ist, dann wird es wahrscheinlich eher länger dauern. Ich sage auch gar nicht, dass es einfach sei, hundert Stunden möchten dabei vielleicht einberechnet werden, vielleicht müsst ihr auch zu anderen Mitteln als nur sture Lernerei greifen, Mitschüler um Hilfe fragen oder sogar lächerliche Methoden entwickeln. Mir geht es hier auch nicht darum, euch zu einer guten Note zu verhelfen, ich will nur eins darstellen: Es ist jedenfalls nicht unmöglich.

An diesem Aufwand hängt es sich meistens fest und das ist der Kern des Nicht-Könnens. Ich habe oben gefragt, was „Ich kann das nicht“ bedeutet und werde diese Begriffserklärung auch noch mehrmals in diesem Artikel verändern. Unter Einbeziehung der vorigen Überlegung verändert sich also die Bedeutung der Wendung auf folgendes:

„Der Aufwand, das zu können, ist zu groß (für mich).“

Wir haben also schon zwei Verwendungsmöglichkeiten des Begriffes, einmal als „Ich werde das nie können“ und einmal eher als „Ich kann das (jetzt) noch nicht“. Dazu gibt es dann noch den Bezug auf Unveränderlichkeit vergangener Ereignisse („Ich kann das nicht mehr“), aber das ist jetzt weniger von Bedeutung. Die Verwendung des „Ich werde das nie können“ stellt diesen Zustand jedenfalls als etwas Unveränderliches dar, was ich als als schlichtweg falsch ansehe.

Ich bin da bereit, ein paar gewisse Zugeständnisse zu machen, wenn es um körperliche Grenzen geht. So zum Beispiel kann ich noch nicht 20 kg heben, könnte allerdings einige Zeit lang (eine sehr große Zeit lang…) im Fitnessstudio trainieren, um es zu können. Der Aufwand ist mir dafür aber zu groß, wofür hat man denn starke Kerle um sich herum. Ich könnte aber niemals 2.000.000 kg heben, kein Training könnte daran etwas ändern, weil mein Körper das einfach nicht mitmacht. Genauso einsichtig bin ich bei bleibenden körperlichen Einschränkungen, ein Blinder wird wirklich niemals meinen Blog lesen können. Desweiteren ist diese Verwendung auch dann noch korrekt, wenn der zeitliche Aufwand die menschliche Lebensspanne übersteigt oder ein anderweitiges Zeitlimit (z.B. bei Klausuren) sich mit ihr kreuzt, aber gehen wir mal weg von diesen Randbeispielen.

Gehen wir stattdessen weiter auf den Aufwand ein. Vorhin habe ich zeitlichen Aufwand gemeint, aber es gibt auch körperlichen, geistigen und auch seelischen Aufwand. Es handelt sich um ein komplexes Bedingungsgefüge, das in der kurzen Formulierung „Ich kann das nicht“ einfach unterschlagen wird. Hier muss man weitergehen, um herauszufinden, ob die Gründe des Sprechers akzeptabel sind. Warum erscheint denn der Aufwand für den Sprecher als zu groß? Auf alles kann ich sicherlich nicht eingehen – der Aufwand dafür wäre mir zu groß – aber ein paar Möglichkeiten will ich nennen.

„Der Aufwand […] ist zu groß für mich, weil er einfach lächerlich enorm ist.“

Eine Begründung, die ich verstehen kann, wenn sie wirklich der Wahrheit entspricht. Wenn ich dem mein ganzes Leben widme, könnte ich vielleicht irgendwann tatsächlich auf den Mond fliegen, wenn ich gezielt darauf hinarbeite (vielleicht, denn es könnte auch sein, dass der Aufwand meine Lebensspanne oder die Zeit, in der man noch körperlich fit genug für sowas ist, übersteigt). Ich habe es aber trotzdem nicht vor, der Preis ist einfach zu hoch, und ich kann nachvollziehen, wenn es anderen genauso geht. Das gleiche gilt natürlich, wenn das Ergebnis des Könnens für einen lächerlich gering ist.

Mir ist wichtig, dass das nicht falsch bei euch ankommt: Was ich nicht will, ist aufzuzeigen, dass „Ich kann nicht“ eine ungehobelte Ausrede ist und keiner von euch darf jemals wieder diese Worte sagen. Man sollte nur verstehen, was man da eigentlich sagt, wie viel Bedeutung in so einer kleinen Phrase steckt. Denn oftmals liegt es auch einfach nur an Unverständnis.

„Ich kann das nicht, denn ich weiß nicht wie.“

Ich habe die Formel diesmal ein wenig vereinfacht. Das Problem ist also nicht der Aufwand selbst, sondern der Aufwand, herauszufinden, was genau der Aufwand eigentlich ist. Das klingt schon so kompliziert und aufwändig. In dieser Bedingung geht man weg von dem Können und in den Bereich des Wissen.

Mit dem Wissen verhandelt es sich aber genauso: Wer behauptet, Unwissenheit sei ein konstanter, unveränderlicher Zustand, der ist schlicht und ergreifend im Unrecht. Jedes Problem hat eine Lösung, jede Frage eine Antwort, und „Ich weiß nicht“ ist niemals eine davon. Wenn man etwas nicht weiß, dann muss man es nur herausfinden, wenn man das alleine nicht schafft, nur andere fragen und so weiter. Damit einhergehend bin ich auch der Überzeugung, dass so etwas wie Intelligenz nicht wirklich existiert: Jeder ist dazu in der Lage, jedes Problem zu lösen, egal wie schlau oder dumm. Der Aufwand, namens der Rechenaufwand des Gehirns (und damit auch der zeitliche Aufwand) ist nur von Person zu Person unterschiedlich.

Ich bekomme an dieser Stelle von Leuten, die sich für ganz besonders ausgefuchst halten, immer wieder entgegnet: „Wenn es auf jede Frage eine Antwort gäbe, wieso hat dann noch niemand eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens gefunden?“ Aber die Frage nach dem Sinn des Lebens ist nicht mal eine schwere Frage, es ist nur eine Frage deren Antwort jeder für sich selbst finden muss und allgemein gültige Definitionen deshalb schlichtweg unbrauchbar sind. Ich könnte euch auch jetzt die Antwort anbringen, die ich für mich gefunden habe, aber das bringt weder mir noch euch was und ich bin ohnehin schon zu viel abgeschweift. Lösen wir das Problem, indem ich wieder zum Thema zurückfinde.

„Der Aufwand […] ist zu groß für mich, weil er mich zu große Überwindung kostet“

Ich habe auch Verständnis für diesen Sachverhalt. Der Satz bezieht sich auf persönliche Barrieren, Schwachpunkte sozusagen.  Manch einer kann sich vielleicht nicht überwinden, die rasanten Geschäfte auf der Kirmes zu fahren, vielleicht verbindet auch jemand traumatische Erfahrungen mit einen Sachverhalt oder ähnliches. Ich würde zum Beispiel sagen, dass ich keine Schnecken (oder auch nur sonst irgendwie schleimiges Essen) runterkriegen würde. Ich könnte es logischerweise schon, ich würde mich nur nachher verdammt unwohl fühlen und mir das Essen höchstwahrscheinlich noch ein zweites Mal durch den Kopf gehen lassen. Seht es mir nach, wenn ich das nicht in Kauf nehmen will, lassen wir uns stattdessen den nächsten Stichpunkt durch den Kopf gehen.

„Der Aufwand […] ist zu groß für mich, weil meine Antriebsmotivation zu gering ist.“

Faulheit. Wenn man nicht einmal das das Fenster schließen kann, obwohl man eigentlich näher dran ist, dann ist es nichts weiter als Faulheit. Beachtet, dass ich hier wirklich von Sachverhalten ausgehe, deren Aufwand nicht lächerlich enorm ist, das haben wir schon im ersten Stichpunkt abgehakt. Es geht jetzt direkt um Situationen, in denen der Aufwand klar machbar ist, etwas was sogar sehr häufig passiert. Wenn man jemanden um etwas bittet, stellt man ja schließlich vorher sicher, dass die Bitte auch erfüllt werden kann, sonst würde man sie wahrscheinlich nicht stellen. Im Idealfall zumindest. Wer bittet, hofft (oder erwartet) dementsprechend, dass die Bitte erfüllt wird, er hat also den Aufwand bereits analysiert und kam zu dem Schluss, dass er bewältigbar ist. Wer eine Bitte dennoch ausschlägt (ohne anderweitige Gründe zu haben), behauptet demnach, dass der Aufwand entweder doch größer sei als berechnet, oder er sie trotzdem nicht erfüllen will. In diesem Fall heißt es „Der Aufwand ist eigentlich gar nicht zu groß für mich, aber ich habe einfach keine Lust darauf“ und das bedeutet nichts anderes als eine Frechheit.

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Am Anfang bezeichnete ich das kleine Sätzchen als entweder bedeutungsvollste oder bedeutungsleerste Phrase und mittlerweile ist euch vielleicht klar geworden, wieso. „Ich kann das nicht“ kann vieles bedeuten – das habe ich glaube ich mittlerweile ausreichend belegt – aber das Wort „Können“ selbst bedeutet eigentlich gar nichts. Eigentlich ist es nur stellvertretend für ein größeres Bedingungsgefüge, und zwar eines, das sich nicht ums Können dreht. Einigen mag es vielleicht schon aufgefallen sein, dass es nicht mehr darum geht, etwas nicht zu können. Ich schrieb bereits, dass das unmöglich ist. Tatsächlich geht es um eine verwandte Wendung, die vor den ganzen Beispielsätzen stehen könnte:

„Ich will das nicht, denn […]“

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Ein Kommentar zu “Was soll das heißen, du kannst nicht?!

  1. […] zeichnen könnt, sondern dass ihr nicht die Lust habt ausreichend Mühe in eure Arbeit zu stecken, also dass ihr nicht zeichnen wollt. Und ich glaube, sehr viele Menschen überschätzen einfach, wie viel Mühe eine ordentliche […]

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